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Wir griesgrämigen Alten (“Mein progressiver Alttag” im Gießener Senioren-Journal vom 10. Dezember 2016)

Als ich vor Jahren begann, im Senioren-Journal über meinen progressiven Alttag zu berichten, war mein Alltag noch kein echter Alttag und das Schreiben darüber eher eine kokette Spielerei. Mittlerweile bin ich wirklich alt geworden und weiß: Das Alter ist kein Kinderspiel. Aber wem schreib ich das ….?!
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Ich will sie nicht mit meiner Krankenakte langweilen. Sie ist ja auch, toitoitoi, nicht sehr umfangreich. Selbst als Hypochonder muss ich zugeben: Sie ist sogar recht schmal. Denn meine Beschwerden werden meist, zu meiner Erleichterung und Empörung, von medizinischer Seite mit dem immer gleichen Satz abgetan: »Das haben fast alle in Ihrem Alter.«
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In meinem Alter? Vor wenigen Monaten war ich noch 68, jetzt bin ich 69, beide Zahlen nicht unbedingt Alters-Symbole. Die eine steht für revolutionäre Aufbruchstimmung aufmüpfiger Jugend, die andere … um was geht’s dabei eigentlich? Hab’s vergessen.
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Entschuldigung. Meine Kindischkeit kennt immer noch keine Grenzen. Eigentlich ein gutes Zeichen. Denn richtig alt sind doch nur die, deren Miene und Haltung noch auf dem zweitstillsten Örtchen gravitätische Würde ausstrahlen. Sie müssten nicht mal lächeln, wenn Heinz Erhardt, der Unvergessene, ihnen vom stillsten aller Orte aus zuriefe, die Brille, auf der sie hocken, sei wie das Leben: »Man macht viel durch.«
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Überhaupt, das fehlende Lächeln. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die Menschen desto weniger lächeln, je älter sie werden? Vor allem die Männer sehen mit den Jahren immer griesgrämiger aus. Wie mies gelaunte Muppet-Opas, die auch schweigend wirken, als grummelten, knurrten und schimpften sie innerlich.
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Sind es die sich vertiefenden Falten? Verlieren auch die Gesichtsmuskeln, es gibt immerhin 26 davon, im Alter ihre Kraft und Elastizität, verlangt auch hier die Schwerkraft ebenfalls ihren Tribut und zieht die Mundwinkel herunter? Nein, ich glaube nicht, dass es daran liegt. Soo alt ist unsere Bundeskanzlerin ja nicht und … aber jetzt komme ich zu einem persönlichen Problem: Schon in früheren Jahren wirkte meine Miene schon im entspannten Naturzustand oft grimmig und abweisend, als wolle sie signalisieren: Lasst mich ja in Ruhe! Wenn ich diesen schlechten Eindruck mit betont freundlicher Mimik verhindern wollte, zum Beispiel für Fotoaufnahmen, hatte ich das Gefühl, eine groteske Grinse-Fratze zu ziehen, mit bis zu den Ohren hinauf verzerrten Mundwinkeln – doch auf dem Bild zeigte ich dann allenfalls den Anflug eines leichten Lächelns. Kaum als solches zu erkennen. Wie auf dem Konterfei, das Sie über meinen »Anstoß«-Texten im Sportteil sehen können. Obwohl ich mich doch buchstäblich fürchterlich angestrengt habe, Sie anzustrahlen!
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Schade, dass ich kein Russe bin. Oder Franzose, Japaner, Iraner … in allen diesen Ländern gilt unverkrampft freundliches Lächeln als Indiz für Dummheit. In der Schweiz, England oder auf den Philippinen wirkt man dagegen als ständiger Lächler intelligenter als andere. In Deutschland sei dieser Effekt sogar am größten, behauptet eine Studie über nonverbales Verhalten. Ich lächle, also bin ich schlau? Ach, wir fallen auch auf jeden Blödsinn herein! Liebe Mitbürger, merkt euch bitte: Wir alten Grantler sind gar keine, wir haben keine schlechte Laune, sondern strahlen die Weisheit des Alters aus!
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Ich komme sowieso mit dem Altern recht gut zurecht und trauere der Jugend nicht nach. Man müsste noch mal 20 sein? Wer das alte Lied singt, dem schreibt Marc Chagall, der kindlichste unter den großen Malern, ins Stammbuch: »Die nicht zu altern verstehen sind die gleichen, die nicht verstanden haben, jung zu sein.«
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Eine Freude früherer Jahre wünschte ich mir aber doch zurück. Im Frühherbst habe ich sie noch einmal herauf beschworen – die Lust, auf meine Art Griechenland zu bereisen. Mit leichtem Gepäck und auf eigene Faust. Von Korfu über Lefkas und Kefalonia nach Zakynthos. Zwei Tage Pause, dann weiter nach Patras und über den Peloponnes nach Athen. Mit Nah- und Fernbus, Fähre und kleinem Propeller-Flugzeug. Alles in nur fünf Tagen. Völlig geschafft kam ich zu Hause an und stellte resigniert fest: Schön und gut war’s, aber diese Art des Reisens wird meine letzte gewesen sein. Dafür bin ich nun wirklich zu alt.
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Im leichten Gepäck war kein Platz für das Rasiergerät. Seitdem lasse ich es weiter wuchern. Schon sind mindestens 20 Gesichtsmuskeln nicht mehr zu erkennen. Ich wirke schon viel freundlicher, sagt man und vor allem frau. Nun hat also nicht nur mein Witz (die Brille, diese entsetzliche Brille …) sooo’n Bart.
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Ach ja, was ich noch erzählen wollte: Beim Anflug auf Frankfurt schwebten wir schon ein, zwei Meter über der Landebahn, da riss der Pilot die Maschine hoch, steil ging es wieder in die Luft. Eine zuvor gelandete Maschine hatte die Bahn noch nicht verlassen können.
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Aber wollen wir nicht alle vor der endgültigen Landung noch einmal so richtig abheben? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle