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Kategorie A. (“Anstoß” vom 8. Dezember)

Timo Werner, die Schwalbe und das Fairplay – der hohlen Worte sind genug gewechselt. Wen sie erreichen sollen, vor allem Kinder und Jugendliche, der durchschaut sie, auch wenn er (noch) nicht richtig durchblickt. Fairplay, von oben moralisch angemahnt, kommt unten kontraproduktiv als bloßes Gerede an. Was bleibt dort hängen? Werner/Schwalbe/Schieri gelinkt/Elfmeter selbst geschossen/Tor/Sieg/bisschen Blabla/Betrug lohnt sich/Fazit: cooler Typ, der Timo.
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Was sie sonst noch wissen: Die »Hand Gottes« toppt alles, der »Kaiser« hat uns die WM erschummelt, Knast-Uli mit Millionen gedaddelt und Kalle Rolex-Luxusuhren geschmuggelt. Aber neben den berühmten großen Vorbildern beeinflussen auch und vor allem die nächsten Bezugspersonen das Verhalten der Hänschen auf dem Platz, die dort etwas lernen, was Hans und alle die anderen Timos nicht mehr verlernen: Gewinnen ist alles, egal wie, alles andere ist nichts.
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Vor einigen Wochen schrieb der Arzt und Wissenschaftsjournalist Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung über »Frühe Fouls«. Der Artikel erschien bezeichnenderweise nicht im Sportteil, sondern im Ressort »Gesellschaft«. Bartens führte einige Fallbeispiele vor wie dieses: »Tom ist gefürchtet in seinem Jahrgang; nicht wegen seiner Spielkunst, sondern weil er ständig bescheißt.« Tom sei kein Einzelfall, viele Kinder verhielten sich so asozial, pöbelnd und betrügend, dass  unter Trainern schon die Kategorie »Arschlochkinder« kursiere.
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Woher kommt diese Inflation der »Kategorie A.« auf dem Sportplatz? Man schaue nur an den Spielfeldrand. Dort gab es früher bei den Bambini pro Partie meist nur einen unangenehmen Typen, der seinen Sohn, das größte Talent unter der Sonne, anfeuerte und anschrie, Schiedsrichter, Spieler, Trainer und Zuschauer, notfalls beider Mannschaften, rüde beschimpfte und sich derart abstoßend danebenbenahm, dass alle anderen nur mit den Augen rollten und ansonsten diesen prolligen Kerl ignorierten.
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Dieser Typ hat heute »bessere« Gesellschaft gefunden. Verbissene Helikopter-Eltern haben im durchgetakteten Arbeitstag ihrer Kinder auch den unbedingten sportlichen Erfolg auf ihrer Agenda. Sie bevölkern mittlerweile neben den unvermeidlichen Prolls Sportplätze und Spielstätten. Was treibt sie an? Schreien sie den Frust heraus über ihr zunehmend als armselig und bedeutungslos empfundenes Leben? Soll, muss ihr Kind als Ersatzbefriedigung herhalten? Welche Rolle spielen Begriffe wie »emphatisches Mangelmilieu« oder »innere Verwahrlosung«, die mit Geld, Status oder Intelligenz nichts zu tun haben (oder vielleicht zu viel?).
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Natürlich gibt es auch jene verhaltensgestörten Eltern im Sport, die … ja, wie drücke ich es korrekt aus? … durch migrantisch kulturbedingte Temperamentsunterschiede auffallen. Aber ob diese oder jene, unter dem Strich steht: Arschlochkinder haben Arschlocheltern.
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Schwalben, Helikopter und die Hand Gottes: Hoch hinauf gegriffen auf der Suche nach Schuldigen. Und wie steht es mit einem selbst? Unsanfte Landung: Ein Vater begleitete einst seinen Sohn von dessen Bambini-Beinen an, fieberte bei jedem Spiel an der Seitenlinie mit. Zwar stumm, aber hoch engagiert. Anfangs stand der Sohn im Schatten kleiner, wuseliger und/oder frühreifer Mitspieler. Mit der Pubertät begann eine erstaunliche Wandlung. Der Junge wuchs auch als Fußballer, der Vater konnte kaum glauben, was er sah: ein Riesentalent, Linksfuß mit Tordrang, elegant, strategisch begabt – Vaterherz, was willst du mehr? Ein kleiner Günter Netzer, aber noch viel dynamischer. Nur etwas fehlte ihm: der unbedingte Siegeswille. Die Kameradschaft war ihm wichtiger als der Erfolg. Das kommt noch, dachte der Papa.
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… bis der Filius einmal mit dem Ball am Fuß aufs Tor zu lief, ein mitsprintender Mitspieler stolperte und hinfiel – und der Junge stehen blieb, Ball Ball sein ließ, dem Freund aufhalf und sich angeregt mit ihm unterhielt, während das Spiel weiter lief. »Nein!«, schrie der Vater. Das erste und letzte laute Wort von ihm am Seitenrand. Später wechselte der Junge Wohnort und Fußballklub, fand aber nicht dort, sondern anderswo die richtigen Freunde und hängte die Fußballschuhe ungerührt an den Nagel.
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Und so kam es, dass der Vater des nächsten Nationalspielers nicht in höchste Fußballkreise aufstieg und als Spielerberater des kommenden Weltmeisters gnädig die Angebote von Real und Barca sichtete, sondern Sportkolumnen im »Anstoß« schreibt. Und schreibt und schreibt.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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