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Montagsthemen (vom 5. Dezember)

Fair geht vor? Wer das Fair-Fähnlein in Fernseh-Spots gesinnungsethisch hoch hält, fliegt samstags verantwortungsehrlos als Schwalbe durch den Strafraum, foult heimtückisch, provoziert Gegenspieler und lässt sich als clever und schlitzohrig feiern, wenn er damit durchkommt. Fair geht vor? Schön wär’s. Frechheit siegt!
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Zum Beispiel 2:1 gegen Schalke. Leipzig war besser, klar, aber der Weg zum Sieg wäre holpriger, vielleicht sogar versperrt gewesen, hätte Timo Werner nicht das frühe Führungstor erschummelt.
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Erst dann herrscht das in Sonntagsreden beschworene Fairplay auch im Fußball-Alltag, wenn der Schummler nicht scheinheilig den Schiedsrichter beschuldigt, sondern die Schuld bei sich selbst sucht, findet, zugibt – und demonstrativ verschießt, falls der Referee den Elfmeterpfiff nicht zurücknimmt. Unrealistisch? Sicher. Aber das ist ja gerade das Problem.
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Warum liegt ihnen das Schummeln im Blut, vom jungen Timo bis zum alten Robben? Vielleicht an jenem Satz, der fast immer fällt, wenn Sport-Asse auf ihre Wurzeln  angesprochen werden: »Ich konnte schon als Kind nicht verlieren.« Doch verlieren lernt man nur durch … verlieren. Haben sie schon als Kind zu oft gewonnen? Was Klein-Arjen nicht lernt, lernt der große Robben nimmermehr.
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Einige der großen Asse, deren überbordendes Talent nie das Verlieren kennenlernte (Usain Bolt!), haben daher kein Verständnis für Nico Rosbergs Paukenschlag. Aber was für ein starker Abgang! In der »Ohne weitere Worte«-Kolumne der letzten Woche habe ich aus dem »Spiegel« zitiert, manchmal müsse »man sich das Fahrerlager der Formel 1 als einen Schulhof vorstellen, auch dort haben die Musterschüler aus besserem Hause bei den Straßenjungs wenig zu lachen. Vettel scherzte einmal, die schönste Frau im Fahrerlager sei Nico Rosberg«, und auf diesem Schulhof kursiere auch Rosbergs Spitzname »Britney«. – Jetzt hat das blonde Mädchen den Straßenjungs gezeigt, was ein echter Kerl ist. Ganz groß.
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Als er feierte, wusste er schon, was er tags darauf verkünden würde. Es hat ihn beim Feiern nicht gestört, vielleicht eher sogar noch mehr beschwingt. Er hat ja trainiert, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, wie er ebenfalls in der »OWW«-Kolumne verriet: »Ich mache Liegestütze und spiele dabei Memory.« – Ich verliere auch ohne Liegestütze beim Memory, und zwar gegen jedes  kleine Kind.
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Ich bin schließlich auch kein Rennpferd, sondern ein hessischer Ackergaul. Den Spruch, den unser Leser Norbert Fisch einmal von Ebby Thust erlauscht hat (»aus em Ackergaul kann mer eben kei Rennpferd mache«), kann unser ehemaliger Sportredaktionskollege Manni Merz »noch toppen: Ich erinnere mich an einen Hüttenberger Handballtrainer, der in einer erfolglosen Phase mit Blick auf seinen Kader auf gut mittelhessisch sprach: Du kannst halt aus ner Dickwurz kei Ananas mache.«
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Und aus den Gladbacher keinen FC Barcelona. Aber Trainer André Schubert, so umstritten er sein mag, zeigt nach dem 1:4 in Dortmund und vor dem Spiel in Nou Camp selbstironische Größe: »Barça – auch nicht ganz einfach.«
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Noch einmal zur echten Fairness, man könnte auch sagen: Ehrbarkeit. Obwohl das Wort nach Vorgestrigkeit müffelt. Es steht aber noch im Ehrenkodex einer olympischen Kern- und ansonsten Rand-Sportart: »Jeder Fechter ist eine Ehrenperson und sagt den Treffer sofort nach Erhalt mit dem Wort ›Treffer‹ oder ›Touché‹ an. Zusätzlich ist die unbewaffnete Hand zu heben.« Warum hebt im Fußball niemand die unbewaffnete Hand?
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»Touché«, das wäre die einfachste Lösung. Man muss die Fairness ja nicht unbedingt so weit treiben wie auf dem Cartoon des großen James Thurber, denn da fliegt der abgeschlagene Kopf eines Fechters durchs Bild, der auch mit seinem letzten Wort noch die Contenance des Gentleman-Sportlers bewahrt: »Touché!«
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Haben Sie, »gw«, den Gag  nicht  schon einmal gebracht? Touché! Der »Club of Rome« fordert sogar eine zweite »gw«-Doublette heraus: Man müsse das Wachstum vermindern, heißt es da, weil sonst der Welt nicht mehr zu helfen sei. – Sag ich doch! Unendliches Wachstum ist ein Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus. – Aber das ist eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle