Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch

Heute mal ganz ohne Fußball. Aber wieder mit Nasenklammern. Am Donnerstag erwähnte ich die französischen Synchronschwimmerinnen, die bei Olympia vor 20 Jahren zu den Klängen von Nazi-Märschen die Ankunft und Selektion der Gefangenen im KZ darstellen wollten. Der Auftritt wurde verboten. Eine russische Semi-Prominente, Ehefrau des Präsidentensprechers, trat jetzt in einer Fernseh-Eislaufshow in KZ-Häftlingskleidern an – und gewann. Schnell die Nasenklammern auf. Es stinkt!
*
Heute würde auch die makabre KZ-Parodie der Synchronschwimmerinnen nicht verboten werden. In ein künstlerisches Mäntelchen gehüllt, erfüllt es alle höheren schützenswerten Ansprüche. Wie bei der Satire. Es ist zum Ziegen f…, nein, meine Kolumne hat keinen künstlerischen Anspruch, die darf das nicht.
*
ARD und ZDF hätten ihr Angebot gewiss noch einmal erhöht, wenn Olympia solche KZ-Knaller zu bieten hätte, die Quote brächten und in den asozialen Medien die Klicks und Tweets explodieren ließen. Die Forderungen der Rechteinhaber lägen »bei weitem über dem, was von uns verantwortet werden kann. Wir sind zu wirtschaftlichem Umgang mit  den Beitragsgeldern verpflichtet« (Bayern-Intendant Ulrich Wilhelm). Er meint natürlich die Rechteinhaber für Olympia. Die Fußballrechte kaufen sie ja bei Aldi. – Aber im Ernst: Gibt es einen besseren Grund für die Pflicht zur öffentlich-rechtlichen Grundversorgung als die Weltausstellung der Randsportarten, die nur alle vier Jahre im Blickpunkt stehen und ohne olympische Aufmerksamkeit ganz zu verschwinden drohen? Wenn ARD/ZDF halb so viel personellen Aufwand betrieben wie bisher, also noch doppelt so viel wie künftig Eurosport, könnten sie sich Olympia locker leisten. Aber die Quoten-Schere von Olympia und Fußball öffnet sich immer weiter, außerdem finden die nächsten Spiele in Südkorea, Japan und China statt, für uns am frühen Morgen. Daher lautet die Übersetzung von Wilhelms Geschwurbel: Weg damit, guckt sowieso keiner. Eure Rechte kaufen wir erst wieder im Ein-Euro-Shop.
*
Noch einmal zur »40 – 30 – 20 – 10«-Kolumne vom Donnerstag. Norbert Fisch erinnerte sich bei der Schote um den »schnellsten Zahnarzt Deutschlands« ebenfalls an jenen hessischen Boxpromoter. Unser Leser saß in den Neunzigern in einer Frankfurter Sports-Bar »neben zwei auffälligen Männern. Einer von eher schmächtig wirkender Gestalt in einem Jogginganzug, mit einem Blick wie ein geschlagenes Heimkind, der andere Mann so dominierend und platzgreifend, da hätte der Jogginganzug zwei Mal reingepasst. Er trug einen leuchtend blauen Anzug und dazu viel Goldschmuck.« Beide schwiegen sich »eine ganze Zeit lang an, völlig auf den Boxkampf auf dem Monitor konzentriert. Bis der Massige das Schweigen brach und in allerbreitestem Frankorderisch sprach: ›Siehste, des habbich dir doch gleich gesacht, aus em Ackergaul kann mer eben kei Rennpferd mache.‹ Das war dann ein Moment, in dem die Komik dem Gefühl wich, einer ganz große Weisheit teilhaft geworden zu sein. Den Spruch habe ich seitdem oft gehört, aber nie wieder so schön gesagt.«
*
Wer waren die beiden? Zu leicht für eine »Wer bin ich?«-Frage. Natürlich Ebby Thust und Willy »de Ox« Fischer. Bei dem haben sie übrigens ebenfalls vergeblich versucht, aus einem Ackergaul ein Rennpferd zu machen, aber das ist ein anderes Thema. Die dritte Frage kommt jetzt, in Hessen unterwegs: »Die Geschwindigkeit an sich ist überhaupt nicht fühlbar. Der Wagen liegt wunderbar ruhig und gehorcht dem Steuer einwandfrei. Das Lenkrad darf nicht verkrampft gehalten werden, nur ganz leicht liegt es sozusagen zwischen den Fingerspitzen, um nicht Schwankungen des Körpers auf die Lenkung zu übertragen. Das rechtzeitige Abfangen von Seitenluftstößen erfordert ein Höchstmaß von dauernder Bereitschaft zu instinktmäßiger blitzschneller Gegenaktion, noch bevor sich der Seitenwind voll auswirken kann. Bei etwa 380 km/h werden – aus einem gewissen Grund – Schläge fühlbar und einen furchtbaren Schlag auf die Brust erhält man aus einem ebenso verräterischen Grund, den ich hier daher verschweige. Wer bin ich? (Bitte noch keine Lösungen einschicken, die Runde läuft weiter).
*

Zu guter Letzt eine FAZ-Hausmitteilung: »Patrick Bahners ist mit dem 1. Dezember der für das Ressort Geisteswissenschaften’ verantwortliche Redakteur.« Klatsch, klatsch, klatsch! Mit mir gratuliert ganz Entenhausen, denn Bahners ist auch »Ehrenpresidente« der Donaldisten, der »Deutschen Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des Lauteren Donaldismus« (D.O.N.A.L.D.) und hat schon viele Male Entenhausener Kultsprüche im scheinbar so ernsten FAZ-Kulturteil untergebracht.
*
Wenn sich Bahners und seine Donaldisten treffen, diskutieren sie auf höchstem dadaistisch-wissenschaftlichem Niveau, warum in Entenhausen alle Enten Zähne haben, aber nur die Entenfrauen Schuhe. Bei besonders gelungenen Beiträgen wird heftig applaudiert – nicht mit den Händen, sondern lautmalerisch rufend, eben wie in Donald-Sprechblasen: »Klatsch, klatsch, klatsch.«
*
Nichts empört Donaldisten mehr als der Vergleich ihres Donalds mit einem aktuellen Namensvetter. Wobei der »Vetter« aber zum passenden Vergleich führt. Denn Donald Ducks ärgster Feind ist sein Vetter Gustav Gans, und der ist faul, bösartig, unsensibel, rachsüchtig, egoistisch, überheblich, ignorant … und ihm fällt alles durch das pure Glück des Unverschämten in den Schoß.
*
Bleibt meine ewige bange Frage nach jeder Kolumne: Wie reagiert der Leser?
»Klatsch, klatsch, klatsch«?
Oder »Ächz, würg, ggrrg«?  (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle