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Norbert Fisch: Zwei Männer in der Sports-Bar

Im Anstoss erinnern Sie an Ebby Thust, um den es ziemlich ruhig geworden ist. Deshalb hier eine Anekdote für Sie, damit er weiter im Gespräch bleibt. Und zwar ist das eine selbsterlebte Geschichte, die ich sicher noch Enkelkindern am Lagerfeuer erzählen würde. Da ich aber keine Enkel habe, bekommen Sie diese eben ab.

Es war tatsächlich in den 90er-Jahren, da zog es mich immer wieder in eine dieser damals sehr angesagten Sports-Bars nach Frankfurt. Besonders chic fand ich eine, in der von jedem Platz der Blick auf mindestens einen von vielen Fernsehapparaten fiel, auf dem etwas Aktuelles aus der Welt des Sports zu sehen war, während man unsportliche Spare-Ribs, Hamburger, Pommes oder Cola genoss. An diesem Tag war Boxen angesagt, was mich nicht sonderlich interessierte, sodass ich lieber einen Imbiss orderte. Die Bar war noch nicht so gut besucht, auffällig waren jedoch zwei Männer, die neben meinem Tisch an der Theke saßen.  Einer von eher schmächtig wirkender Gestalt in einem Jogginganzug, mit einem Blick wie ein geschlagenes Heimkind, der andere Mann so dominierend und platzergreifend, da hätte der Jogginganzug zwei mal reingepasst. Zweiterer trug eine Mischung aus blau und gold, einen leuchtend blauen Anzug und dazu viel Goldschmuck, Arm- und Halskette sowie die passende Uhr (und ich glaube auch noch das Brillengestell), farblich sehr schön abgestimmt zu einer Karibik-Bräune, könnte aber auch von der Sonnenbank sein – ein Schild mit „Macher“ um den Hals hätte es nicht bedurft. Diese beiden so unterschiedlichen Männer schwiegen sich eine ganze Zeit lang an, völlig auf den Boxkampf auf dem Monitor konzentriert. Bis der Massige Blau-Gold-Braun das Schweigen brach und in allerbreitestem Frankorderisch sprach: „Siehste, des habbich dir doch gleich gesacht, aus em Ackergaul kann mer eben kei Rennpferd mache.“

Das war dann ein Moment, in dem die Komik dem Gefühl wich, einer ganz große Weisheit teilhaft geworden zu sein, einen historischen Moment erlebt zu haben, denn etwas Unumstößliches in diesen Worten führte dazu, dass dieser Abend für mich zu „meinen 10 größten hessischen Momenten“ zählt. Den Spruch vom Ackergaul und dem Rennpferd habe ich seitdem oft gehört, aber da war er für mich weitaus mehr als das, was er vor der denkwürdigen Begegnung mit Ebby Thust und Willi „de Ox“ Fischer war, und vor allem nie wieder so schön gesagt. (Norbert Fisch)

Baumhausbeichte - Novelle