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Antidackelstreichelstreifen (40/30/20/10 vom 1. Dezember)

Vor 40, 30, 20 und vor zehn Jahren: Kleine Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides.

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(Das »ewige« Thema hatte schon immer überraschende Aspekte:) Als die Austausch-Methode von Langstrecklern bekannt wurde, denen abgezapftes Blut sauerstoffangereichert wieder zugeführt wurde, kamen findige Köpfe auf die ebenso einfache wie verblüffende Idee, den »gewichtigen« Lebenssaft Boxern, Ringern und Gewichthebern vor dem offiziellen Wiegen abzuzapfen und danach wieder einzutrichtern. Wie antiquiert erscheint da doch das »Abkochen« in der Sauna. (…) Die Kugelstoßerin Eva Wilms gab in einem Illustrierten-Interview zu, mit einer Anti-Baby-Pille experimentiert zu haben, die in hoher Dosierung Anabolika-Effekte hat. Müßig zu erwähnen, dass diese Methoden nur die Spitze eines Eisbergs darstellen. (19. Oktober 1976 / momentan macht wieder das Schwangerschaftsdoping früherer Jahre Schlagzeilen. – Wirklich nur früherer Jahre …?)

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(Früher war mehr Lametta …. auch in dieser Kolumne. Mehr Klatsch und Tratsch wie hier über einen schillernden hessischen Boxpromoter:) Ebby Thust ist in seinem Milieu der Größte, seit in seinem Stammlokal ein fremder Gast über Zahnschmerzen klagte. Thust stellte sich als Zahnarzt vor, zog seine Pistole aus dem Jacket und schoss dem Mann den Zahn aus dem Mund. Seit dieser »Operation« gilt Ebby Thust als schnellster Zahnarzt Deutschlands. (15. März 1986 / Ich glaube die Story immer noch nicht, auch wenn sie damals von der FAZ verbürgt wurde)

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(Als Zugabe eine von mir selbst verbürgte wahre Geschichte:) Otto S. »sitzt« zur Zeit, weil er in die Berliner Bau-Bestechungsaffäre verstrickt ist. Vor zehn Jahren war er noch Leibwächter von Helmcke, jenem legendären Bordell-Besitzer, der in seiner »Pension Clausewitz« frühe deutsche Spionagegeschichte geschrieben hat. Mitte der 70er Jahre saß einmal eine kleine Gruppe deutscher Spitzensportler in Helmckes »Hotel Nobel«, denn er hatte ihnen private Sporthilfe versprochen. Otto saß dabei, fühlte sich von einem kleinen Ganoven genervt, griff ihm, ohne hinzusehen, an dieselbe – und drehte ihm, ins Gespräch mit den Sportlern vertieft, ganz nebenbei die Nasenspitze herum, dass es nur so knirschte. (15. März 1986 / aus der privaten Sporthilfe wurde leider nichts. Man fand Helmcke wenige Wochen später tot auf – ermordet und halb verbrannt)

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 (Für den Erfolg können Sportler über Leichen gehen. Auf besonders makabre Art versuchten dies vor den Olympischen Spielen von Atlanta 1996 die französischen Synchronschwimmerinnen) Frankreichs Nasenklammern wählen den Holocaust als Thema für ihre olympische Kür. Zu den Klängen von Nazi-Märschen wollen die acht Mädchen an den Beckenrand treten, und im Wasser soll die Ankunft und Selektion der Gefangenen im KZ symbolisiert werden. Simple Rechnung: Holocaust bringt Punkte, weil die Kampfrichter sich nicht trauen, gerecht zu werten. Kalkül: Gebt uns eine Medaille, oder ihr seid Nazis! (7. Juni 1996 / Die Rechnung ging zum Glück nicht auf, Frankreichs Sportminister verbot das Vorhaben. Nasenklammern waren in Atlanta nur für die Synchronschwimmerinnen nötig, nicht für die Zuschauer, denn der üble Geruch war verflogen)

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(Als die Idee eines Anti-Dopinggesetzes aufkam, wollte ich sie mit einem scheinbar absurden, aber logischen Vergleich veralbern:) Nehmen wir mal an, der Verband deutscher Schäferhundezüchter verbietet seinen Mitgliedern, Dackel zu streicheln. Doch es gibt viele Züchter und noch mehr Dackel, der Verband kann das Verbot nicht alleine kontrollieren, also soll der Staat helfen. Antidackelstreichelstreifen werden aufgestellt. Jeder Streichler ist verdächtig, wird kontrolliert. Ist er im Schäferhunde-Verband registriert – ab zum Schnellrichter. Falls nicht – streichelt auch der Polizist. (4. August 2006 / Das Anti-Doping-Gesetz kam trotzdem, und ein Jurist klärte mich auf: Jedes Gesetz ist möglich, wenn dies eine legislative Mehrheit will. Auch früher gab es  Sondergesetze …) (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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