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Sonntag, 27. November, 6.30 Uhr

Heute auf die Sekunde pünktlich. Wobei “pünktlich” ein Synonym für meine Zwangsneurose ist. Warum muss ich sonntags um 6.30 Uhr am Computer sitzen und den Blog schreiben? Außer “darm” fällt mir keine Antwort ein.

Außer “darm”? Darm? Den Schreibfehler lass ich stehen. Aber es ist nicht der Darm, der mich früh aufstehen lässt. Der Grund heißt einzig und alleine “darum”.

Wäre die allerliebste Zielgruppe  schon auf den Beinen und blickte mir über die Schulter, würde sie augenrollend feststellen: typisch, dieser analfixierte Pipikakahumor. Lass doch den … Scheiß!

Gestern abend habe ich sie zum Kollegen-Treff gefahren. Die Stadtredaktion wanderte von der Sporthalle Ost zur Gaststätte auf dem Schiffenberg. Treffpunkt vor der Halle, zu der ich wohl ein paar tausend Mal gefahren bin. Training mit den MTV-Gewichthebern im Kraftraum, Treppensprünge auf der Tribüne, Eins-gegen-eins-Spielchen gegen MTV-Basketballer vor oder nach deren Training, außerdem viele, viele Termine als Basketball-Schreiber.

Nie werde ich meinen Einstand vergessen. Winter 1972, ich war gerade aus Heidelberg zurückgekommen, Basketball-sozialisiert beim dortigen USC, noch längst kein MTV-Lokalpatriot (obwohl Ur-Gießener), und so schrieb ich über ein Spiel des MTV und seinen damaligen größten Publikumsliebling: “Das Spiel schleppte sich dahin wie der alternde Ron Davis über das Parkett”. Holla! Das gab Ärger. Der verflog bald. Wie es sich für einen “guten” Lokaljournalisten gehört, war ich bald der größte Fan des Vereins.

Warum ich das schreibe? Als ich am Samstag zur Sporthalle Ost fuhr, gedankenlos und dennoch zielsicher wie ein alter Gaul auf dem Weg in seinen Stall, stutzte ich kurz vor dem Ziel. Wo bin ich hier? Ich muss mich verfahren haben! Ich drehte, wollte zurückfahren, da hielt neben mir ein Ex-Kollege. Ich wurde aufgeklärt. Ich war richtig. War im Dunklen nur verwirrt wegen der vielen “neuen” Uni-Gebäude vor der Sporthalle.

Da ging mir auf, wie viele Jahre, ja Jahrzehnte ich nicht mehr hier gewesen bin. Erstens weil ich nicht mehr dort trainiere (na ja, überhaupt nicht mehr), zweitens weil ich nicht mehr über den MTV schreibe, und drittens und entscheidendstens: Seit der MTV nicht mehr MTV heißt und die Spieler nicht mehr Hess, Breitbach oder Koski, sondern sich Saison für Saison als ständig wechselnde Wanderarbeiter die Klinke in die Hand geben, lassen mich die Spiele kalt, denn “Fortysixers” klingt für mich wie falsche Fuffziger. Aber das sollte ich jetzt  überdenken, vielleicht schon in den gleich zu schreibenden “Montagsthemen”, denn dafür steht schon u.a. “RB Leipzig” auf dem Themenzettel, mit den Zusätzen “siehe Spiegel/Populismus”. Neuer Vorsatz: Wieder in die Sporthalle Ost gehen, zu den “46er”. Wenn sie mich reinlassen. Ist ja immer gerammelt voll. Viel voller als in meinen nostalgisch beschworenen Osthallenzeiten.

Damit wäre ja auch schon der Kolumnen-Pfad geebnet. Über, natürlich, die Eintracht, Hoeneß und Red Bull zur Sporthalle Ost. Hoffentlich verirre ich mich nicht so irre wie gestern. Und jetzt geht die Sonne auf, obwohl es noch dunkel ist: KKKK!

 

Baumhausbeichte - Novelle