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Montagsthemen (vom 28. November)

Die Frankfurter Eintracht macht einfach sprachlos, aber man will trotzdem über sie reden. Doch bitte  nicht wie Dortmunds Trainer Thomas Tuchel, der nur auf seinen BVB eindrischt und damit gleichzeitig die Leistung des Gegners missachtet. Die und den würdigt sein Spieler Matthias Ginter zwar widerwillig, aber immerhin fairer als sein Trainer: Es sei »eklig und schwierig«, gegen diese neue Eintracht spielen zu müssen.
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In einer anderen Sportart nennt man sie  »Stinker« – unbequeme Fighter, die klug, zäh, verbissen und, ja, auch nickelig den in seinem  Potenzial hoch überlegenen Gegner zur Verzweiflung treiben. Der verliert und ist dann stinkig wie Tuchel. Oder wie  Wladimir Klitschko nach der Fury-Schlappe.  Also, die Eintracht nur eine »Stinkerin«? Ach, liebe Tuchels, euer Frust ist unser schönster Lohn. Und der Blick auf die Tabelle.
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Manch einem stinkt auch Uli Hoeneß’ Rückkehr. Die überaus rechtschaffen Empörten argumentieren ähnlich wie Thilo Komma-Pöllath in einem Gastkommentar für die Frankfurter Rundschau. Der Autor, Verfasser eines Buches mit dem bezeichnend tendenziösen Titel »Die Akte Hoeneß, Porträt eines Potentaten«, ätzt, es sei »unmöglich, dass ein Steuerhinterzieher wieder Oberaufseher des wichtigsten deutschen Sportklubs werden kann«. Nun kann man ja über Uli Hoeneß sehr geteilter Meinung sein. Auch sein neues und nur wenig überzeugend entschuldigtes »Feind«-Bild lässt vermuten, dass er in der Haft gar nicht so viel Kreide fressen konnte, um nicht doch schnell wieder der alte Wolf zu werden. Aber die gleichen Teilzeit-Gutmenschen, die Hoeneß die Rückkehr verweigern und ihn am liebsten lebenslang in die Pfui-Bäh-Ecke stellen würden, kämpfen am mitgefühligsten  für die Wiedereingliederung von Mördern und Kinderschändern (es sei denn, sie zögen in die eigene Nachbarschaft).
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Klar, das provoziert. Plakativer Populismus, ich weiß. Aber wenig ist in diesen Zeiten so wichtig wie der Versuch, den jeweils Andersdenkenden verstehen zu wollen, selbst wenn er dumpfbackig daherzukommen scheint. Stattdessen stellt ein Philosoph (?) wie Wolfram Eilenberger in der Zeit die Rückkehr-Befürworter auf eine dumpfe Stufe mit Trump-Wählern. Ähnlich arrogant und unempfindlich, wenn ihm ins Horn gepetzt wird, ledert Spiegel-Kolumnist Markus Feldenkirchen gegen RB Leipzig los: »Allein die Existenz ist eine Unverschämtheit«, und wer dies anders sehe, sei »dummdreist«. Im gleichen Atemzug stellt er Dietmar Hopp und Hoffenheim in den Senkel, dieses »Spielzeug eines gelangweilten Milliardärs«. Feldenkirchen hätte sich vorher wenigstens über den Unterschied zwischen oligarchischen Sponsor-Potentaten  (bei den Münchner »Löwen« treibt einer sein Unwesen) und honorigen Mäzenen erkundigen sollen. Auch über Hopp kann man, wie bei Hoeneß, geteilter Meinung sein, aber ganz sicher ist er ein nachhaltig sportlicher Segen für seinen Heimatverein und die ganze Region.
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Wenn ich schon Vorurteile anderer kritisiere, sollte ich auch eigene überprüfen. Stichwort Red Bull, Leipzig, die »Plastik«-Klubs sowie damit einhergehende Veränderungen wie die von Vereinstreue zu Ein- und Verkaufs-Klubs. Als ich am Samstag zu einem privaten Treff an der Gießener Sporthalle Ost fuhr, gedankenlos und dennoch zielsicher wie ein alter Gaul auf dem Weg in seinen Stall, stutzte ich kurz vor dem Ziel. Wo bin ich hier? Ich muss mich verfahren haben! Da ging mir auf, wie viele Jahre ich nicht mehr dort gewesen bin. Seit der MTV nicht mehr MTV heißt und seine Basketballer nicht mehr Hess, Breitbach oder Koski, sondern sich Saison für Saison als ständig wechselnde Wanderarbeiter die Klinke in die Hand geben, lassen mich die Spiele kalt, denn »Fortysixer« klingt für mich wie falsche Fuffziger. Aber das sollte ich jetzt überdenken und mir selbst als gutes Beispiel vorangehen. Neuer Vorsatz: Wieder in die Sporthalle Ost gehen, zu den »46ers«. Falls sie mich reinlassen. Ist ja immer gerammelt voll. Viel voller als in meinen nostalgisch beschworenen Osthallenzeiten.
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Zu schlechter Letzt noch einmal zu »Dummdreist siegt« (Kolumnen-Überschrift im Spiegel), »Ohne Anstand« (dito/FR), zur Wiedereingliederung und den Teilzeit-Gutmenschen (vollzeit tätig gute Menschen  haben meine höchste Achtung): Wie heißt eigentlich die amtierende deutsche Lutherbotschafterin?  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle