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Sport-Stammtisch (vom 26. November)

Das große Rätselraten: Wie viel Plan steckt hinter der Krise? Bringt Menschenfischer Ancelotti die Bayern in der Endphase auf Touren, in der Mastermind Guardiola an seiner Playstation vergeblich die Reset-Taste drückte, weil seine Spielfiguren nicht mehr konnten, wie er wollte? Oder ist Ancelotti einfach nur der richtige Mann am falschen Ort (oder umgekehrt)?
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Ancelottis Problem heißt Guardiola. Der Spanier hat die Bayernprofis zu seinen Geschöpfen geformt, die Automatismen aus Guardiolas Kopf abspulten. Ohne Störfall lieferten diese Automaten Fußball in Vollendung. Aber auf lange Laufzeit, buchstäblich, waren sie nicht programmiert. Nun sollen aus Automaten wieder selbstbestimmte Profis werden, mit eigenen Entscheidungen und eigenem Kopf. Damit hat Ancelotti gute Erfahrungen gemacht. Anti-Automaten wie Ronaldo oder Ibrahimovic schwärmen immer noch von ihm (und hassen Guardiola, jedenfalls der Schwede).
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Dass die Bayern-Profis nun manchmal hilflos auf dem Platz herumirren, liegt an ihnen selbst. Aber die meisten von ihnen sind intelligent und eigenständig genug, um sich aus ihren Guardiola-Zwängen zu lösen. Einer wie Thomas Müller könnte vorangehen, wenn er nicht am typischen Torjäger-Problem litte. Vielleicht klappt’s ja schon heute. Allerdings griffe dann ein anderer, ein medialer Zwang: Die Wende läge natürlich nur am »neuen« Präsidenten …
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Also, wie viel Plan steckt hinter der Krise? Überhaupt kein Plan. Aber er könnte aufgehen. Paradox? Nö. – Hinter dem Aufschwung der Frankfurter Eintracht steckt ganz gewiss ein Plan, und der hat einen Namen. Niko Kovac. In die allgemeinen Lobeshymnen stimme ich aber nicht mehr ein. Ich habe sie schon vor Relegations-Zeiten gesungen. Kovac hat alle Hymnen verdient, selbst wenn es heute schiefginge und demnächst noch ein paar Mal. Aber wenn nicht alle Fußballsinne täuschen, hat die Eintracht in dieser Saison mit dem letzten Drittel nichts zu tun … und Optionen aufs hintere erste.
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Dortmund kommt mit Marco Reus. Einer der wenigen Fußballer, die auch von gegnerischen Fans freundlich empfangen werden. Wenn er denn spielt. Was ja nicht allzu oft vorkam in den letzten Jahren. Ein Jammer. Warum überhaupt gibt es Fußballer, die oft, und solche, die selten bis nie verletzt sind (zum Beispiel Thomas Müller, früher Beckenbauer)? Es gibt eine Theorie, die hand- und fußfesten echten Männerkerlen esoterisch vorkommen mag. Stichworte: Organsprache und Verletzungsbereitschaft. Jürgen Schäfer, aus Mittelhessen stammender ehemaliger Bundesliga-Physiotherapeut, verdeutlichte uns das einmal in einer »Anstoß«-Serie am Beispiel von Ciriaco Sforza: »Das Kniegelenk steht in der Organsprache für das Selbstverständnis, für das Ego, für den eigenen Stolz. Immer wenn Sforza Stress hat, ob in Kaiserslautern oder bei Bayern München, endet das bei ihm im Knieschmerz. Er könnte sich ja auch einen Muskelfaserriss holen, oder die Achillessehne könnte reißen – aber es ist immer das Knie.«  Schäfers Philosophie, »überspitzt ausgedrückt: Jede Verletzung ist letztendlich vermeidbar. Schicksalhaftes Pech gibt es dabei nicht, sondern nur ganz bestimmte Faktoren, die einen Körper  verletzungsbereit machen.«
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Haben Sie auf Sky das quälend lange Interview mit Marco Reus gesehen? So genial-pfiffig er auf dem Platz agiert, so unergiebig-belanglos krampft er vor dem Mikrofon. Was ihn mir übrigens nur sympathisch macht. Außerdem ist er Fußballer und kein Comedian.
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Auch Lionel Messi ist vor allem Fußballer. Einzigartig und der Beste. Warum sie an ihm herumtätowieren, ihn blondieren, einen trendigen Vollbart wachsen lassen und aus ihm einen Typen machen wollen, der er nicht ist? Keine Ahnung, was seine PR-Leute umtreibt. Oder seine Frau. So oder so bleibt er für mich der kleine Unvergleichliche … nein, ich vergleiche ihn mal: Schauen Sie bitte auf Youtube ein Video von Messi, als er noch kaum größer als der Ball war. Eine Offenbarung, ähnlich frappierend wie die ersten bewegten Bilder eines fünfjährigen Knirpses namens Sammy Davis Junior. Singend und steppend. Sehen und staunen!
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Sammy Davis jr., ein genialer Entertainer aus dem »Rat Pack« um Frank Sinatra, machte oft böse Witze über kleine, einäugige, schwarze Juden. Er durfte das. Er war einer. Auch Mario Adorf diskriminiert sich belustigt selbst. In Studentenzeiten hatte er keinen Erfolg beim Trampen, »da hat mich von 100 Menschen keiner mitgenommen«. Wie ich das kenne! Morgens im Pulk an der Autobahn-Auffahrt stehen, erst werden die Mädchen mitgenommen, mit denen man tags zuvor in der Jugendherberge verschämt geflirtet hat (beim Einsteigen blicken sie nicht mal zurück; so viel zum Thema Solidarität mit dem wahrhaft schwachen Geschlecht), dann kommen peu a peu alle anderen dran… und abends trotte ich frustriert alleine zurück in die Jugendherberge. Ach ja, ich und Mario!
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Die Hoch-Zeit des Trampens ist lange vorbei. Aber gestern sah ich an der Auffahrt zwei Punks mit einem Schild: »Richtung Norden.« Sollte ich sie mitnehmen? Die Zeiten sind andere geworden. Heute kommt man schnell in Verruf. Ich fuhr sowieso Richtung Süden. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle