Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Paul-Ulrich Lenz: Zausel

Ich gehe – nach längerem Schweigen – auf den Zausel ein.

Der Vogelsberg  sieht aus wie ein schlecht rasierter alter Zausel. Windräder prägen das Panorama. Der freie Rundblick von hier oben zeigt, dass Windräder überall stehen und das Landschaftsbild nachhaltiger verändern als früher die paar Sendemasten auf den höchsten Gipfeln. Aber am schlechtesten rasiert ist der Vogelsberg. Fast schon ein ungepflegter Vollbart.

Ich gestehe: ich mag diesen Anblick. Er ist mir tausendmal lieber als der freie Blick von der A7 aus auf die Kühltürme von Gräfenrheinfeld. Auch tausendmal lieber als der Blick auf die offenen Wunden der Kohle-Fund-Stätten bei Gatzweiler und hinter Bitterfeld.
Und Ihre Frage nach dem, ob sich das rechnet mit den Windrädern: Wie rechnet sich, was wir tausend Generation nach uns als strahlende Zukunft hinterlassen haben? (Ich erinnere mich als Schüler an die begeisterten Schilderung einer Zukunft voller Verheißungen im AKW Geesthacht 1965  – da war alles gut! Das bisschen Atom-Müll – das macht doch nichts, das merkt doch keiner.) Und was wir an fossilen Brennstoffen in die Luft blasen – auch das werden unsere Enkel und Urenkel und deren Enkel auszubaden haben. Ich fürchte, Ihre Bilanzen, auf die Sie setzen, fallen zu kurz gedacht aus. So viel zum Einmaleins der Berechnung der wahren Energiebilanz.
Als Lateinschüler am humanistischen Gymnasium in Hadamar haben wir gelernt: Quidquid agis prudenter agas et respice finem.
Das passt zum Anfang der Adventszeit, die ja, kirchlich gesehen, eine Buß-Zeit ist, Vorbereitungszeit auf den Kommenden, Zeit zur Umkehr und nicht glühweinselige Stimmungszeit. Aber vielleicht führt ja Glühwein – zuviel oder der auf dem Weihnachstmarkt – gelegentlich auch zu Buß-Gefühlen.   (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R./Schotten)

PS: Ich lese Sie fast immer – wenn auch häufiger als früher widersprüchlich.

Baumhausbeichte - Novelle