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Montag, 21. November, 9.55 Uhr

Mit den Hunden Gassi. Oberhalb von Königsberg. “Gassi” ist nicht korrekt. “Feld-und-Waldi”. Heute früh unglaubliche Fernsicht. Feldberg zum Greifen nahe. Vogelsberg, sonst nur zu ahnen, ebenfalls. Sieht aus wie ein schlecht rasierter alter Zausel. Windräder prägen das Panorama. Der freie Rundblick von hier oben zeigt, dass Windräder überall stehen und das Landschaftsbild nachhaltiger verändern als früher die paar Sendemasten auf den höchsten Gipfeln. Aber am schlechtesten rasiert ist der Vogelsberg. Fast schon ein ungepflegter Vollbart.

Meine Einstellung dazu habe ich schon mehrmals im Blog dargestellt. Hinzufügen will ich aber, dass ich nicht prinzipiell ein Windkraft-Gegner bin. Wäre ja auch dumm. Wasser, Wind und Sonne sind theoretisch ein sauberes, naturfreundliches perpetuum mobile der Energie, jedenfalls für ein paar Menschen-Jahrhunderte. Mich interessiert aber vor allem die praktische Seite, das Einmaleins der Berechnung der wahren Energiebilanz im Werden, Leben und Sterben eines Windrades, von der Schürfung des Materials, der Rodung der Wälder, der Herstellung, des Transports, der Wartung bis zur Entsorgung. Und dagegen stellen, was das Windrad in seiner Lebenszeit an benötigter Energie erzeugt. Also nicht an Energie, die gerade nicht gebraucht und sozusagen abgefackelt wird (Gleiches gilt für die Solarenergie). Wer mich von einer positiven Bilanz überzeugt, findet in mir einen großen Freund von Windrad & Co.

In solchen Gedanken versunken, schrecken mich drei aus dem Gebüsch preschende Rehe auf. Dann sehe ich: Es sind nur zwei. Das dritte, das hinterher hetzt, ist kleiner, heller und mein junger Hund. Der alte schaut uninteressiert zu. Den jungen kann ich zurückbrüllen. Gut erzogen. Nicht von mir. Klappt aber nicht immer. Rehe sind zum Glück nur zweite Wahl. Die kleine Jägerin steht mehr auf Kaninchen und Tiere mit Flügeln.

Ich schreibe so vor mich hin, weil ich heute mit dem gesammelten Material für die “Ohne weitere Worte”-Kolumne nicht zufrieden bin, die ich gleich zusammenstellen muss. Für manche Leser die liebste gw-Kolumne, meine auch. Ich schmücke mich nicht mit fremden Federn, arrangiere sie nur. Aber dafür brauche ich hübsche Federn. Leider gefallen mir meine Lieblings”federn” nicht mehr so gut wie früher. Harald M., der späte junge Vater, wirkt auf mich mittlerweile oft etwas zu kritikempfindlich und selbstreferentiell, Axel Hacke zu selbstgefällig, und Hans Z., als dessen Brüderchen im Geiste ich mich fühle, verzettelt sich. Täglich in der Welt, sonntags in der WamS, wöchentlich in HörZu, das raubbaut an der Kreativität. Dennoch sind die Drei natürlich die Größten. Wenn man liest, was zum Beispiel der Spiegel alles versucht, um Glossen und Kolumnen zu etablieren (oft habe selbst ich kleiner Provinzkolumnist Mitleid), weiß man wieder, was man an Martenstein, Hacke und Zippert hat.

Aber jetzt wird es Zeit, ans Arrangieren zu gehen. Ohne Blumen der drei, ohne “Streiflicht” (schwächeln auch dessen Autoren? Oder liegt es an meinem ältlich schwächelnden Geschmack?). Wenigstens hat mich Kollege “ta” auf eine hübsche Subjekt-Objekt-Verschiebung hingewiesen. In unserem Blatt sogar. Jetzt also wird arrangiert.

Baumhausbeichte - Novelle