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Montagsthemen (vom 21. November)

»Leipzig kann das Leicester der Bundesliga werden.« Wäre Thomas Tuchels Strategie so schief gegangen wie sein Bild des neuen Tabellenführers, hätten die Bayern in Dortmund haushoch gewonnen. Englands Sensationsmeister war ein wilder Haufen von Underdogs, anderswo Ausrangierten und fußballerisch Limitierten, struppige, bissige Straßenköter, jeder für sich scheinbar keinen Penny wert. Leipzig ist ein geldgenmanipuliertes Designerprodukt. Aber ein gutes, so viel Respekt muss sein.
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Manchem Traditionalisten wird es dennoch so übel wie Lionel Messi, wenn er an die Tabellenspitze schaut. Messi selbst, der beim 0:0 von Barca gegen Malaga wegen Brechreiz fehlte, hatte wohl zu lange nach unten geschaut, auf sein linkes Bein. Der Unterschenkel ist nach dem neuen »Blackout«-Trend komplett schwarz gestochen. Total-Tattoo. Da wird es einem schon beim Hinsehen schlecht. Sieht aus wie das erfrorene Bein eines Antarktisforschers, das der Klimawandel über viele Jahre hinweg langsam aufgetaut hat. – Na ja, womöglich ein schiefes Bild wie bei Tuchel. Was weiß denn ich, wie solch ein aufgetautes Bein aussieht?
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In England darf Bastian Schweinsteiger weiter nur den Mittraber geben, der sich für den Weiterverkauf fit halten soll. Auch beim ManU-1:1 gegen Arsenal war für ihn kein Platz auf dem Platz. Angeblich wird er »schön gemacht« für einen Käufer aus den USA. Allerdings herrscht demnächst dort drüben ein neuer Potentat, der alte Werte bevorzugt, und das »ius primae noctis« war ein besonders beliebtes Vorrecht früherer Absolutisten. Trump über Schweinsteigers Ehefrau Ana Ivanovic: »Sie ist die schönste Frau, die ich in meinem Leben gesehen habe. Einfach die Schönste.« Vorsicht, Bastian!
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Dirk Nowitzki trabt im Gleichschritt mit Schweinsteiger. Wieder eine Dallas-Schlappe, wieder ohne den großen Lädierten. Kürzlich  fragte ich rhetorisch, ob die beiden, ähnlich wie Max Schmeling, den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt verpasst haben. Erik  Schimpf (Cleeberg), zwar »ein großer Fan Ihrer Kolumnen«, merkt kritisch an, »dass Schmeling im Krieg alles verloren hatte und noch einmal in den Ring steigen musste, da er finanziell am Boden war. Das trifft ja bei Nowitzki und Schweinsteiger nicht zu.« – Trotz meines unpassenden Vergleichs wünscht der Leser: »Bitte, bitte gehen Sie noch nicht in Rente und unterhalten Sie mich weiter!« – Den ersten Teil des Wunsches kann ich aber leider nicht erfüllen. Zu spät.
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Für den zweiten Teil bemühe ich mich. Auch mit gezielter Provokation. Soeben las ich zum Beispiel einen FAZ-Artikel über den Weltklasse-Mittelstreckler Homiyu Tesfaye. Der Anlass ist für Leichtathetik-Laien weniger wichtig. Nebenbei erfahre ich aber Details, die exemplarisch für Schiefgehendes in Deutschland stehen. Tesfaye stammt aus Äthiopien, hat in Deutschland politisches Asyl beantragt, wurde eingebürgert, wird als bundesdeutscher Sportsoldat bezahlt und gefördert … und meldet sich öfters mal ab. Für längere Urlaube. In Äthiopien.
So etwas ist Wasser auf die Mühlen der AfD. Wie auch die Empörung in der tonangebenden deutschen Presse, nicht zum Landesparteitag der AfD zugelassen zu werden. Gleichzeitig schließt sie aber die AfD vom Bundespresseball aus. Beides im moralischen Einklang nur mit sich selbst. So, wie wir mit diesen Leuten und ihren Ansichten umgehen, machen wir sie stark wie Trump und werden uns am Wahltag noch wundern. Warum fragen wir uns nicht: Wo haben die Piefig-Miefigen recht? Und wie ändern wir uns, statt Toleranz nur so zu verstehen, dass die Andersdenkenden sich gefälligst verhalten und denken sollen wie wir?
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Warum nicht mit Humor reagieren? Den wenigstens gab’s früher noch bei den mittlerweile durch die und in die Institutionen Marschierten, zwar fritzteuflischen Humor, aber immerhin Humor. Vorschlag eines Rentners aus der Provinz an die Ex-Kollegen in den FAZ-, SZ- und FR-Großstädten: Steht doch beim nächsten AfD-Parteitag Spalier und ruft: »Unter braunen Haaren / der Muff von 1000 Jahren.« Und wenn sie stolz entgegnen: »Wir sind blond!«, dann stimmt ihr zu, da’s der Wahrheitsfindung dient, und bestätigt: »Eben!«  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle