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Sport-Stammtisch (vom 19. November)

Wut. Überall wütet die Wut. Wutbürger sind wütend auf alle, die angeblich Schuld an ihrer Wut sind, und bei diesen wächst die Wut auf die Wütenden, nachdem sie schreckensstarr das Menetekel an der Videowand am jenseitigen Ufer des Großen Teichs gesehen haben. In diesem tosenden Meer von Wut- und Angsttränen klammere ich mich an einen Strohhalm der Hoffnung: Irgendwann siegt die Vernunft, und wenn es vierunddreißigdreiviertel Jahre dauert.
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Kein Wunder, dass das Wasser im Meer stark salzhaltig ist. Denn zu den Tränen der Wut- und Angstbürger im Großen Teich kommen noch die des Haifischs sowie meine kleine Freudenträne. Haifisch? Ja, denn der »hat Tränen / Und die laufen vom Gesicht / Doch der Haifisch lebt im Wasser / So die Tränen sieht man nicht / In der Tiefe ist es einsam / Und so manche Zähre fließt / Und so kommt es dass das Wasser / In den Meeren salzig ist.«
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Was sagt uns »Rammstein« so ungewohnt lyrisch damit? Auch die Bissigen haben Angst. Deshalb beißen sie ja. Aber bevor diese Sportkolumne endgültig thematisch und stilistisch im Bermuda-Dreieck verschwindet, setzt sie den Strohhalm als Mast und die vierunddreißigdreiviertel Jahre als Segel, um mit meiner kleinen Freudenträne in ihren Sporthafen zurückkehren zu können. Denn im Februar 1982 schrieb ich zum ersten von vielen, vielen Malen, dass »sich der Referee nach einem Erstpfiff in kitzliger Situation optische Entscheidungshilfe für den endgültigen Zweitpfiff holen« solle. Und nun, im November 2016, wurde der Video-»Beweis« beim Länderspiel in Mailand getestet, und zwar ganz in meinem Sinne nicht als Beweis, sondern als Hilfe für den Schiedsrichter. Um ein letztes Mal im Bild zu bleiben: Jetzt müssen auch die »Salz-in-der-Suppe«-Verfechter die Segel streichen. Alles wird gut, und ich muss und werde meine Video-Hilfe nie mehr wiederkäuen. Großes Tattoo-Ehrenwort!
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Noch zwei kleine Erfolgserlebnisse: Niko Kovac über den (offenbar/hoffentlich) dauerhaften Aufschwung der Frankfurter Eintracht: »Der Schlüssel zum Erfolg ist die Fitness.« Nicht die Dreier- oder Fünferkette, nicht die Doppel-Sechs oder die umgestürzte Sieben, sondern eben die Fitness. Mein Schreiben seit vierundvierzigelfzwölftel Jahren mit Stepi, Toppi, Charly, Dohmen, Skibbe, Veh und wie die Anti-Nikos alle hießen. 34 11/12? Stimmt das? Ich zähl’s mal an den Fingern ab. Ja! Das Ergebnis hält allen Rechenmeistern von Adam Riese bis Albrecht Beutelspacher stand.
Und noch eine Selbstbestätigung: Ich wäre der ideale Trainer für Ingolstadt gewesen, lese ich in der Süddeutschen Zeitung, denn der »zeitgemäße Trainer« ist »kaum bekannt, unerfahren – aber selbstbewusst«. Ich bin noch viel unbekannter und unerfahrener als Maik Hai … quatsch … Walpurgis. Nur am Selbstbewusstsein hätte ich noch arbeiten müssen. Aber ich habe sowieso abgesagt. Als »Anstoß«-Kolumnist verdient man einfach besser.
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Nun wieder ernsthaft. Thomas Müllers ehrliche, sachlich richtige und vernünftige Aussage über Sinn und Unsinn von San-Marino-Spielen in Zeiten übermäßiger Belastung ruft all jene Gesinnungsethiker auf den Plan, die sich mit ihrer Heuchelei eine eigene Welt aufgebaut haben, wobei der Sport nur deren Miniaturkopie ist. Vorneweg die Tonangebenden wie der Fifa-Boss und WM-Aufbläher Infantino (mit Mühe widerstehe ich der Versuchung, ihm das »l« für ein »n« unterzuschieben). Niemand, schon gar nicht Thomas Müller, will Fußball-Zwerge von der WM ausschließen. Aber sie müssten sich vorqualifizieren, untereinander und peu a peu, bis sie bei den »Großen« mitspielen dürfen. Schon 1970 hat Werner Herzog einem Film den dazu passenden Titel gegeben: »Auch Zwerge haben klein angefangen.«
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Für alles muss man sich qualifizieren, durch Wissen und Können. Fürs Deutschsein mit dem Einbürgerungstest, fürs Autofahren mit dem Führerschein, fürs Studium mit dem Abitur, fürs Wählen mit … ach so. Ausnahmen bestätigen die Regel. Warum eigentlich? Zu unserem gesellschaftlichen Wohlergehen könnte eine Wahlqualifikation mehr beitragen als der (aber ebenfalls sinnvolle) Einbürgerungstest.
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Zwischen allen Stühlen. Ich bin kein Wutbürger, erst recht kein auch nur ansatzweise nationalistisch denkender Mensch, auch kein um seine Pfründe bangender Bürger und ein Gesinnungsethiker schon mal gar nicht. Aber was bin ich? In der Zeit lese ich ein Zitat von Gottfried Wilhelm Leibniz: »Der Ort des Anderen ist der wahre Standpunkt sowohl in der Politik als auch in der Moral.« Damit ist gemeint, schreibt Zeit-Autor Gero von Randow, »dass man sich gedanklich auf die Perspektive des jeweils anderen einlassen müsse, und zwar gerade auch eines Gegners, um ihn besser zu verstehen«. Was bin ich? Wenn das so ist: ein Leibnizianer.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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