Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Salep und Tilman (“Rück-Blog” vom 17. November)

Im Internet begleitet und ergänzt »Sport, Gott & die Welt« die »Anstoß«-Kolumnen von »gw«. In etwa vierteljährlichen Abständen veröffentlichen wir im »Rück-Blog« kurze Auszüge.
***
24. Juli: H. fragte, ob ich einen Text über seinen Sohn M. bei Wikipedia einstellen könne. Kann ich nicht, weiß gar nicht, wie das geht. Er glaubte wohl, der Eintrag über mich dort sei von mir. Dabei habe ich keine Ahnung, wer und warum das gemacht hat. Ich staune aber, dass der Verfasser mehr über mich weiß als ich, allerdings nur, was Zahlen und Daten angeht. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, dass M. seit neun Wochen im Krankenhaus liegt. Eine Nervenkrankheit. Lähmt den ganzen Körper. Schrecklich. Ist zum Glück heilbar. M. war eines der größten Leichtathletik-Talente der letzten Jahrzehnte im mittelhessischen Raum.
*
31. Juli: Mein neues Pedelec hat 62 Newtonmeter, damit komme ich endlich den 15-Prozent-Berg mit meinen 100 Kilo so hoch, wie es sich für ein E-Bike gehört. Mein altes hatte nur 26 Newtonmeter. Hatte mich immer gewundert, dass ich am Berg fast genauso schwer treten musste wie mit dem leichten Treckingrad. Im Internet eine Formel gefunden, mit der man Wattleistung berechnet. Mit dem alten Pedelec (250 Watt Unterstützung) musste ich 300 Watt zusätzlich treten, um auf die 550 Watt zu kommen, die man bei 15%/100kg benötigt. Jetzt schwebe ich den Berg hoch.
*
28. August: Mein großes Interview im Blatt. Exklusiv. Mit dem Supersupermegastar, der sonst keine Interviews gibt. Am nächsten Tag steht das Interview in der FAZ. Aber nicht unter meinem Namen. Gleich sechs FAZ-Redakteure lassen sich als Interviewer von Salep feiern. Ich bin stinksauer. Obwohl sich ein lästiger Gedanke im Kopf einnistet. Salep? Salep? Superstar? Langsam wache ich auf … aber selbst dann bin ich noch sauer auf die FAZ.
*
4. September: Wäre ich beim ISTAF in Berlin gestartet, hätte Deutschland einen neuen Dopingskandal: Wick-MediNait, Erkältungssirup für die Nacht. Steht auf der Dopingliste. Nicht gerade förderlich zur Genesung war der Rad-Trip an der Main-Schleife. Drei Tage mit zwei alten Klassenkameraden. Auch mit kulturellen Etappenzielen, zum Beispiel die Madonna im Rosenkranz von Tilman Riemenschneider bei Volkach. Wir unterhielten uns morgens vor der Abfahrt über, na was denn sonst bei alten Knackern, über Bekannte, die Probleme mit der Prostata haben bzw. operiert wurden. Ich beendete das Thema und sagte: »Jetzt aber auf zum Riemenschneider.« Angeblich ein toller Gag, die beiden lachten sich schippelig. Ich frage Sie als reiner Tor Parsifal: Warum bloß?
*

Wenn ich meine Radrunde etwas ausdehne, fahre ich über die Endbacher Platte zum Aartalsee. Die Endbacher Platte, Familien-Ausflugsziel meiner Kindheit, tief im verwunschenen Wald, ist nun auch mit Windrädern vollgestellt. Von allen Seiten her haben sie Schneisen, ach was, breite Chausseen in den Wald gefräst, um die Windräder dorthin zu transportieren,wo sie jetzt stehen, und wo um jedes einzelne herum eine fußballfeldgroße Fläche plattgemacht worden ist. Der ganze Wahnsinn hängt, so meine Vermutung, mit dem Fetisch Wachstum zusammen, den auch die Grünen anbeten, die dabei den Ausbau der scheinbar erneuerbaren Energien anscheinend als Ablasshandel betrachten (und daher lieber nicht über die wahre Energiebilanz nachdenken?).
*
9. Oktober: Rückflug von Athen nach Frankfurt. Der Jet schwebte von Osten her ein, hatte schon die Autobahn gequert, noch maximal ein, zwei Sekunden bis zum Touch Down, da reißt der Pilot die Nase hoch, und steil geht es wieder in den Himmel. Nach ein paar Schrecksekunden – leise Entsetzensschreie, die Frau neben mir vergräbt den Kopf verzweifelt im Schoß ihres Mannes (oder hatte es andere Gründe? Kleiner Scherz) – meldet sich der Kapitän: »Wie Sie bemerkt haben, mussten wir die Landung abbrechen. Die vor uns gelandete Maschine konnte die Bahn noch nicht verlassen.« .Tags darauf rufe ich bei der Lufthansa-Pressestelle an. Prompt kommt der Rückruf, sehr einfühlsam, sehr wortreich. Wahrscheinlich fürchten sie, ein durchgeknallter Provinzschreiber wittert die Chance seines Lebens und spekuliert auf eine exklusive Beinahe-Katastrophe-Schlagzeile. So etwas sei reine Routine und nicht mal meldepflichtig, alleine eine Sache zwischen Pilot und Tower. Komme allerdings nicht oft vor. – Das will ich hoffen.
*
30. Oktober: Gestern kleine Feier in Wetzlar zum 50. Abi-Jubiläum. Bilanz meiner alten Klasse: Einer ist verschollen (man munkelt, mit nicht ihm gehörenden Millionen abgetaucht), einen sieht man ab und zu als verwahrlosten Alk-Penner durch die Stadt ziehen, einer ist gestorben (beliebter Wetzlarer Anwalt, Parkinson). Der Rest ist einigermaßen wohlauf bis putzmunter. Ziemlich gute Bilanz für unser Alter.
*
6. November: Mich plagt zum Glück in immer längeren Abständen der typische Redakteurstraum: Redaktionsschluss naht, ich arbeite an fünf, sechs, sieben Seiten gleichzeitig, halte mich an Nichtigkeiten auf, die Zeit verrinnt, die Katastrophe kommt … und dann wache ich endlich auf, als tief erleichterter Rentner. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle