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Montagsthemen (vom 14. November)

WM-Pflichtspiel gegen San Marino: Was soll das? Es müsste Vorqualifikationen geben. Freundschaftsspiel gegen Italien: Aus der Zeit gefallen. Zusätzlicher Kaputtmacher zwischen den inflationären Top-Terminen der überstrapazierten Fußballprofis. Solche Spiele werden den Weg der Leichtathletik-Länderkämpfe gehen. Die waren früher echte Höhepunkte, heute sind sie kaum noch vorhanden.
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Zwischen beiden überflüssigen Begegnungen waren die deutschen Fußballer in Rom »auf den Spuren der Illuminati« unterwegs, der »Erleuchteten«. Erleuchtetes gibt auch Christoph Harting von sich, unser verhaltensauffälliger Diskus-Olympiasieger (nicht zu verwechseln mit Bruder Robert, dem durch Hexenschuss verhinderten): »Die heißesten Orte in der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.« Das Zitat sei ihm soeben eingefallen, sagt er auf einer Pressekonferenz und beteiligt sich damit am beliebten Bach-Bashing, der mainstreamig gefällig-korrekten Kritik am umtriebigen IOC-Präsidenten, der die Mehrheit der deutschen Nation gegen sich hat und die Mehrheit seines internationalen Klubs hinter sich weiß. Ähnlich wie vor einigen Jahren der deutsche Papst.
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Hat Harting das Zitat wirklich im Kopf und original gelesen? Oder kennt er es nur als vorangestelltes Motto aus dem »Inferno« von »Illuminati«-Autor Dan Brown? Meine Hochachtung hätte er in beiden Fällen, denn Dantes »Göttliche Komödie« habe ich früh aufgegeben und Browns Bücher nicht mal aufgeschlagen. Oder wurde er mit Dantes Höllen-Wort nur für die PK gebrieft? Das Zitat kursiert ja derzeit. Nicht wegen Bach, sondern seit »Elf-neun«.
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Bei selbiger Gelegenheit bekräftigt Christoph Harting ernsthaft sein Ziel, bald über 80 Meter zu werfen, gleichzeitig behauptet er in immerhin schöner Selbstironie, Psychologie zu studieren, weil das Fach zu einem Drittel Eigenanalyse sei. Mal übertreibt er also (über 80), mal untertreibt er. Nur ein Drittel? Sind es nicht 100 Prozent?
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Zum Ernst der Lage: Eine wilde Horde von Mexikanern reist ungehindert in die USA ein und nimmt den Einheimischen die Butter vom Brot. Und ausgerechnet ein deutscher (Klins-) Mann steckt dahinter. Mister Trump, build endlich up your wall! An Beton mangelt es ja nicht. Der Boss der deutschen HeidelbergCement-Firma hat schon seine Mithilfe angeboten. Die Aufregung darüber ist groß. Aber liebe Empörkommlinge: Ist doch nur Satire. Ein genial zynischer PR-Coup. Jetzt kennt alle Welt unsere unglamouröse Zementfabrik.
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»Bashing«, »mainstreamig« – bisschen viel Denglisch in einer deutsch-hessischen Kolumne. Im Gegenzug biete ich den Amis ein sehr deutsches Wort zur baldigen Verwendung an, mit vielen Silben und Konsonanten: Amtsenthebungsverfahren. Wie, Ihr habt ein besseres, griffigeres? »Impeachment« – einverstanden. Kommt Zeit, kommt Rat.
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Vom Aufbau der Mauer zum »Aufstand der Massen«. In meinem vergilbten rororo-Taschenbuch von 1965 schreibt der elitär-konservative Philosoph Ortega y Gasset, er verabscheue das aktive Aufkommen des »hombre-masa«, des Massenmenschen. Für den sei charakteristisch, dass er »die Unverfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzutreten«. Na ja, von der anderen Seite her haben sich auch Marx und Engels die Diktatur des Proletariats ein bisschen anders vorgestellt.
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Damit schließt sich der »Montagsthemen«-Kreis. Vorqualifikationen der Massen würden dem Fußball und den Fußballern helfen. Vielleicht auch der Demokratie? Gesellschaftskundlicher Fragebogen für deutsche Wähler? Wer durchfällt, darf nicht abstimmen? Ortega würde sicher zustimmen, Marx vielleicht sogar auch. Aber das ist ein anderes Thema.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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