Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 12. November)

Er ist gemein, gerissen und gefährlich. Ein unberechenbarer Pöbler, der fehlende Fachkompetenz mit Show und Geschrei überdröhnt. Der amoralische Psychopath hat in der Tiefe seines Herzens … keine Tiefe. Ein flacher, simpler Marktschreier. Er spaltet das Publikum – die eine Hälfte umjubelt ihn, die andere wendet sich mit Grausen. Der Horror-Clown heißt … nein, die Frage ist zu leicht, um in unserer »Wer bin ich?«-Reihe gestellt zu werden. Außerdem spielte der Mann erst vor ein paar Tagen in dieser Kolumne eine Rolle. Denn es ist …
*
… Doink The Clown. Wer denn sonst? Dies ist eine Sportkolumne. Und unser Ex-Nationaltorwart Tim Wiese, neuerdings »The Machine«, will eine Wrestling-Ikone werden wie Doink, diese böse, böse Comicfigur, in früheren Zeiten das satanische Gegenstück einer Lichtgestalt wie Oba … quatsch … wie Hulk Hogan. Wiese wird’s nicht schaffen. Ihm fehlt zu viel zum Weltstar im Ring, sein Name und sein Showtalent reichen nur zum Lockvogel auf dem regionalen deutschen Wrestling-Markt der WWE.
*
Aber die deutschen Fans feiern ihn. »Tim Wiese oh oh, Tim Wiese, oh oh oh oh« sangen sie in München, zur Melodie eines alten italienischen Gassenhauers (»Volare, oh oh, Cantare, oh oh oh oh«). Ein Ohrwurm, der mich tagelang quälte. Ähnlich geht es mir beim Fußball. Die Fans grölen ihre Texte meist zu Liedern, die ich nicht mag. Sich aber im Ohr festsetzen. Was macht man dagegen? Man verordnet sich einen Gegen-Ohrwurm.
*

Ich hab’s getan. Und nun der seltsame aktuelle Zufall. Zuerst hörte ich, inspiriert von der Rezension seiner neuen Platte (»You want it darker«), eine alte »Best of«-CD von Leonard Cohen. Aber zu sanft, zu lyrisch für meine Therapie. Selbst die Hymne »Halleluja« kam nicht an gegen »Tim Wiese oh, oh«. Jetzt ist Leonard Cohen tot. Gestorben mit 82. Manche behaupten, nicht Bob Dylan habe den Nobelpreis verdient, sondern er. Ich hätte ihn beiden gegeben. Auf seiner letzten Platte singt Leonard Cohen: »Hinemi (hebräisch: ich bin hier), Hinemi. I’m ready, my Lord.«
*
Zweiter Versuch. Ebenfalls inspiriert durch einen Zeitungsartikel. Zum 90. von Chuck Berry. Ja, er lebt noch, der alte Holzmichel, diese Randfichte aus St. Louis, Missouri. Ihm eiferten einst Beatles und Stones nach, sein »Johnny B. Goode« fliegt seit Jahrzehnten hinaus in den Weltraum, zusammen mit anderen unverzichtbaren Beweisen menschlicher Kultur. Und auch mich Erdenwurm kurierte er mit einer Best-of-CD vom Wiese-Ohrwurm. Nicht »Johnny be Goode«, sondern »Ding-A-Ling« gelang die Heilung. Wer’s nicht kennt: Ein ziemlich pubertäres Liedchen, bei dem Chuck Berry den Refrain mitsingen lässt, auf meiner Aufnahme offenbar von amerikanischen Studenten, wobei Männlein wie Weiblein mitschmettern: »Those of you who will not sing / You must be playin’ with your own ding-a-ling.« (für empfindsame Leser lassen wir’s unübersetzt).
*
Ich höre es, und danach lese ich, wie’s der Zufall will, dass die Harvard Universität ihr Fußballteam aufgelöst hat, weil eine Liste aus dem Jahr 2012 (!) aufgetaucht ist, auf der die Jungs eine Rangliste der attraktivsten Mädchen aufgestellt hatten. Angeblich schlimmster Sexismus! Solche Blüten treibt das an US-Unis, und nicht nur dort. Ähnliche Ranglisten führen doch überall Buben und Mädchen über ihr bevorzugtes Geschlecht. Was würden sie in den USA mit Chuck Berry machen, wenn er heutzutage auf dem Campus von seinem »Ding-A-Ling« sänge? Für immer wegsperren? Nun ja, immerhin humaner als früher, als ihn der Ku-Klux-Klan geteert, gefedert und gevierteilt hätte, nicht wegen seines Ding-A-Lings, sondern überhaupt.
*

An solche, nun ja, Dinge denke ich, wenn ich über das historische Datum sinniere. 9. 11. 16. Wie konnte es dazu kommen? Droht uns Ähnliches? Hängt es vielleicht nicht nur, aber auch mit Widerstand gegen Tugend-Terrorismus aller Art zusammen? In jedem Fall aber spielt die Simplifizierung durch »soziale« Medien eine Rolle. »Das Internet ist die größte Kloake der Weltgeschichte. Ungeheuer viel Scheiße fließt um die Welt« (Timothy Garton Ash im Spiegel-Interview). Kein Wunder, dass Menschen davon profitieren, die schon als Kind »ein Stück Scheiße« waren (US-Lehrer über einen gewissen früheren Schüler).
*
Wir suchen, und damit zur (wie angekündigt überfallartigen)  zweiten Frage der laufenden »Wer bin ich?«-Runde, kein Stück Scheiße, dessen Namen alle kennen, aber von dem niemand weiß, was es machen wird. Sondern wir fragen nach einem, dessen Namen kaum einer kennt, von dem aber alle wissen, was er gemacht hat: »Ich bin kein Sportler in Ihrem Sinne, habe den Sport jedoch bereichert. Viele eifern mir nach, wissen aber  nicht, dass das, was ich mache, beruflich zu meinem Alltag gehört. Was meine Epigonen heute treiben, darüber kann ich nur milde lächeln. Weicheier! Mein Denkmal steht dort, wo es hin gehört. Wer bin ich? (Bitte noch keine Einsendungen, die Runde läuft weiter)
(gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle