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Sonntag, 6.November, 6.30 Uhr

Pünktlich zur Stelle. Nach lästigen Träumen. Haben Sie auch immer wiederkehrende, typische für Sie? Wer sie verrät, verrät nach der Theorie der Traumdeutung viel über sich. Zum Beispiel der Traum, in ganz normalen Alltagssituationen plötzlich zu entdecken, dass man unten rum nackt ist. Ganz typisch, heißt es. Was bedeutet das? Hab’s vergessen. Für mich viele Jahre lang typisch: Bin in der Schule, bereite mich aufs Abi vor, habe große Probleme, merke aber peu a peu, ich hab’s ja schon, kann entspannt an die Sache rangehen, ist nur … dann wache ich auf … ein Traum. Den typischen Traum habe ich schon lange nicht mehr, auch nicht den Kugelstoßer-Traum, bei Meisterschaften aufzutauchen, alle sind gespannt auf mein Comeback, ich auch, doch dann merke ich, wieder peu a peu, ich werde keine 21 m stoßen, keine 20, keine 19 … bis runter auf 11, 12 Meter (selbst das wäre heute illusorisch), gleichzeitig erkenne ich, dass ich nicht 20 oder 30, sondern 40, 50, 60 und mehr Jahre alt bin, eine furchtbare Blamage droht, was mach ich hier bloß … und dann kommt das gnädige Erwachen.

Mittlerweile plagt mich, zum Glück in immer längeren Abständen, der typische Redakteurstraum: Redaktionsschluss naht, ich arbeite an fünf, sechs, sieben Seiten gleichzeitig, halte mich an Nichtigkeiten auf, die Zeit verrinnt, die Katastrophe naht … und dann wache ich endlich auf, als tief erleichterter Rentner.

Einen ähnlichen hatte ich heute, aber es ging mehr um moderne Zeiten, genauer weiß ich es nicht mehr. Schuld an dem Traum ist sicher jener “Chief Innovation Officer” mit seinen “Fünf Thesen, mit denen wandlungsfreudige Verleger ihre Teams fit für die Zukunft machen”.

Klar ist, dass die Zeitungsverlage und ihre Beschäftigten, also meine Ex-Kollegen, in schwierigen Zeiten stecken, die noch schwieriger werden. An den Auflagen und Anzeigen knabbern der demographische Wandel und das Internet. Der typische Zeitungsleser stirbt buchstäblich aus, auf natürliche, biologische Weise. Die folgenden Generationen können mit Zeitungen und dem, was sie anbieten, nichts mehr anfangen. Die deutsche Unterschicht liest sowieso keine Zeitung, und die deutsche Unterschicht (nicht nur die finanziell, sondern auch die kopfmäßig prekäre) wächst. Nichtmuttersprachler, also Migranten, lesen erst recht keine Zeitung, und diese Schicht wächst bekanntlich noch viel schneller. Dritte Schrumpf-Klientel:  Die Internet-Generation, auch und vor allem ihre hippe Elite, empfindet Zeitung auf Papier als etwas Vorsintflutliches, als Kenn- und Brandzeichen von out sein.

In dieser Lage, aus der ich natürlich keinen Ausweg kenne, auch weil es keinen gibt, suchen viele dennoch den Ausweg, verzweifelt, und in ihrer Verzweiflung suchen sie, wie das nun mal so ist, Halt und Hilfe bei Wunderheilern und Gesundbetern. Auf die fahren auch kluge Ex-Kollegen und ihre Chefs in den Verlagen ab, die ihre dringend benötigten Rücklagen (es gab ja mal Tischlein-deck-dich-Zeiten) verpulvern, im Internet für kostenfreie Angebote (was wäre das Netz ohne sie? So pampert man den großen Konkurrenten wie eine Zwergenmama ihr Riesenbaby) und intern, indem man schlaubergerischen Wunderheilern vertraut, die einzigen, die noch richtig viel Geld verdienen. Mit motivationsseminaristischem Wortgeschwurbel, auf das, ich staune immer wieder, sogar mir gut bekannte, ansonsten weitsichtige, fachlich hervorragende Ex-Kollegen hereinfallen.

Vorgestern las ich nun – es folgt kein Traum! – die Analyse eines “Chief Innovation Officers”. Erst dachte ich, Titel und Text seien brillante Satire, aber es ist bitterer Ernst, auf dem Verlagsberatungsunternehmen ihr einträgliches Geschäftsmodell aufbauen. Jetzt hat der “Chief Innovation Officer” das Wort, mit Originalzitaten: “Die Zukunft der deutschen Verlage ist großartig”, natürlich nur, wenn sie dem CIO folgen. “Verlage brauchen authentisch-digitale Führungskräfte (…) Wer zum E-Commercer werden möchte, muss diese Welt von A bis Z verstehe (…) In Verlagen mit authentisch-digitalen Führungskräften sind auch die Redaktionen authentisch im Digitalen unterwegs.   (…) Der Redakteur wird zu einem Influencer und Beeinflusser.  Verlage ohne solche Influencer sind in der Zukunft Verlage ohne Influence. (…)  Es braucht ein ganzes Heer an vernetzen Kollegen im Verlag der Zukunft, um in der immer schneller Richtung Homeless Media und Mobile wandernden Welt Gehör zu finden bei den Lesern (…) Millenials werden mit Homeless Media aufwachsen, nicht mit zentrierten Medienmarken. Desktop-Internet folgt der Logik gedruckter Inhalte, es sinkt; und Mobile wächst, vor allem dank Video und Social Media.   Deshalb möchte ich Sie ermutigen: verkaufen Sie Zugang zu Wissen, binden Sie Influencer ein als Autoren oder als Speaker bei Events, setzen Sie auf vernetzte Teams und fördern Sie die breite Streuung aller Inhalte auf allen Kanälen. Setzen Sie die Kraft Ihrer Marken klug ein und amplifizieren Sie alle Informationen, wo immer es sich anbietet.”

Weia, weia, weia! Am besten gefällt mir: “Der Redakteur wird zu einem Influencer und Beeinflusser.  Verlage ohne solche Influencer sind in der Zukunft Verlage ohne Influence.”

Merkt Ihr denn nicht, liebe Ex-Kollegen, verehrte Verleger und sonstige “Entscheider”, dass diese Chief Innovation Officers only whistlen in the Wood? Und ihr tanzt nach dieser schrägen Melodie? Influence-Influenza.

Na ja, geht mich ja als Ex-Influencer und Ex-Innovation-Chief alles nichts mehr an. Es ist aber nicht schön, zuzuschauen, wie nicht nur Internet, Demographie und Co. an unserem Ast sägen, sondern dass wir auf ihm sitzend fleißig mitsägen – mit den Sägen, die uns die digitalen Wunderheiler teuer verkauft haben.

Gute Nacht. Nein, guten Morgen. Ich hab ja auch einen guten. Als Analog-Fossil, das sich auf seine und Ihre Montagsthemen freut. Der Themen-Zettel (auf Papier, versteht sich) ist schon voll. Bis dann!

Baumhausbeichte - Novelle