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Montagsthemen (vom 7. November)

In früheren Zeiten sah die Frankfurter Eintracht schlecht aus gegen kompakte, kampfstarke, bissige Gegner. Heute sehen die Gegner schlecht aus gegen kompakte, kampfstarke, bissige Frankfurter. Kovac-Fußball.
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Was ist Leipzig-Fußball? Nur das Millionen-Dollar-Baby von Red Bull? Fußballfundamentale Kritiker reden oft vom 100-Millionen-Transferdefizit des Klubs, der viel weniger ein Klub ist als das PR-Anhängsel eines Wirtschaftsunternehmens. Aber was sind heute 100 Millionen, wenn so viel schon ein vages Versprechen wie Pogba kostet und demnächst der große Zeh eines gehaltenen Versprechens wie Ronaldo?
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Fußballidealistisch ist Bastian Schweinsteiger mehr wert als Ronaldo, Pogba und Red Bull zusammen. Fußballsachlich, na ja. Jetzt die blöde, zumindest gedankenlose Schlagzeile: »Schweinsteiger begnadigt.« Begnadigt wird, wer zuvor wegen einer Straftat verurteilt worden ist. Schweinsteiger hat sich nichts zuschulden kommen lassen, fliegt nicht einmal klubverbotswidrig zum Shoppen nach Mailand, sondern, bunte Blätter haben den Fotobeweis, schiebt in London zusammen mit seiner Frau den Einkaufswagen aus dem Supermarkt. Mourinho hat ihn nicht verurteilt und begnadigt, sondern unseren schwächelnden, alternden, verschlissenen WM-Helden nach sportlichen Eindrücken ein- und aus- und jetzt wieder einsortiert.
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Noch so eine Schlagzeile: »Wiese gewinnt Debüt-Kampf.« Demnächst steht eine Fernsehkritik nach der x-ten Wiederholung eines James-Bond-Filmes unter der Schlagzeile: »Sensation! 007 gewinnt gegen Goldfinger!«
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Ketzerische Gedanken: Hat Heribert Bruchhagen zwei, drei Jahre zu spät aufgehört? Passt einer wie Alex Meier nicht mehr in diese bissige, spritzige Truppe? Weniger ketzerisch als resignativ: Ist dieser HSV ein, zwei Mal zu wenig abgestiegen, um sich in Liga zwei grundlegend neu aufbauen zu können?
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Hat auch Dirk Nowitzki den richtigen Zeitpunkt verpasst? Als Fan (Nowitzki), Bewunderer (Schweinsteiger) und Hochachtender (Bruchhagen) halte ich dagegen: Angesichts ihrer sportlichen Lebensleistung werden die letzten aktiven Jährchen nur als belanglose Fußnote in den Ehrentafeln des Weltsports, des deutschen Fußballs und der Frankfurter Eintracht (Zuordnungen wie oben) erwähnt werden. Prominenteste historische Beispiele: Schmeling und Ali.
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Ulrike (Nasse-)Meyfarth ist eine ähnlich überlebensgroße Ikone. Am Wochenende bekam sie aktuelle Schlagzeilen, weil sie in einem Interview fordert, »die Funktionärskaste muss man ausmisten und absetzen«. Prima. Sehr gut. Gemeint. Gemein, das zu sagen, ich weiß. Aber diese Stellungnahme ist nun mal ebenso gut gemeint, wie sich in der elenden Wahl zwischen Clinton und Trump für Michelle Obama zu entscheiden oder zu fordern, dass die Welt gefälligst ein friedlicher Ort zu sein habe.
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In Sachen Ausmistung geht der äthiopische Leichtathletik-Verband einen Schritt voraus und wählt einen großen ehemaligen Sportler zum neuen Boss: Langlauf-Legende Haile Gebrselassie. Aber ob Ex-Sportgrößen tatsächlich die Funktionärskaste ausmisten können? Oder erleben wir sie dann nur als Metamorphosen? Am besten fragen wir Sebastian Coe oder Sergej Bubka. Wobei böse Spötter sagen: Die waren schon als aktive Sportler so.
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Böse verspottet habe auch ich vor einem Jahr die nebulöse Begründung des Innenministers über den Grund für die Absage des Länderspiels in Hannover (»Teile meiner Antwort würden die Bevölkerung beunruhigen«). In Berichten über den Prozess gegen die jugendliche Islamistin, die einem Polizisten in den Hals stach, erfahre ich nun, dass ein Mitangeklagter im November 2015 Ordner im Niedersachsenstadion gewesen ist und dort (!) in einem Video auftaucht, in dem er »Betet für Raqqa!« ruft. Raqqa ist eine Art Hauptstadt der IS-Terroristen. Solche Ordner im Stadion würden auch Teile von mir beunruhigen.
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Mehr jedenfalls als deutsche Neonazi-Bands. Es mag sträfliche Verharmlosung sein, aber was sie grölen, interessiert mich einfach nicht. In der FAZ erfahre ich, warum sie »ihre Konzerte immer öfter in der Schweiz veranstalten«. Aber das ist ein Schweizer Problem. Gut gefällt mir nur die Überschrift: »Abhitlern im Skigebiet«. Solche originellen Verb-Neuschöpfungen mag ich, auch wenn sie von den Neonazis selbst stammen. Wissen die eigentlich, dass das Präfix »ab« synonym mit »weg« ist? Das wären dann ja gute Vorsätze.
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Aufgemerkt habe ich nur bei der Erklärung der Kantonspolizei, »die Durchsetzung des Einreiseverbots hätte optimaler laufen können«. Aber wenn schon Unsteigerbares konsequent steigern, dann konsequent konsequent. In diesem Sinne lasen sie soeben die optimalsten Montagsthemen, die Sie heute in unserer Zeitung finden können.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle