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Montagsthemen (vom 31. Oktober)

Die Bayern-Krise war auch nur ein flüchtiges Medien-Phänomen. Wie Sarah und Pietro Lombardi. Unterschied: Von der scheinbaren Bayern-Krise haben alle etwas gehört, gesehen oder gelesen. Über Sarah und Pietro … wer?, was?, wie? Da kann nur mitreden, wer in prekären Zonen des asozialen Netzes unterwegs ist oder, wie ich, als Pflicht und Lustlektüre die Bild-Zeitung liest. Also: Die Lombardis, eine Jugend-Ehe, von den Medien vereinbart, beschlossen und beendet. Mit Instagram als Trau- und Scheidungszeuge. Es gibt halt nicht nur archaische muslimische, sondern auch hochmoderne Zwangstraditionen mit elendem Ende.
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Der Bayern-Krise folgt die BVB-Krise, ebenfalls eine nichtige. Dortmund steckt im Umbruch, wie auch Schalke (wo langsam Licht am Ende des Tunnels zu leuchten beginnt), und in München gehört alles, was vor der Champions-League-Endphase geschieht, nur zum gezielten Aufbautraining. Lediglich in Frankfurt kann man schon eine seriöse erste Bilanz ziehen, zusammen mit dem Hut – womit bereits alles gesagt ist. Immerhin ist schon ein Viertel der Saison gespielt, ein taktisch, kämpferisch und von der Disziplin her hochklassiges 0:0 in Mönchengladbach werten manche Euphoriker schon als leise Enttäuschung, und den nächsten Gegner, dessen Lob zuletzt in höchsten Jubeltönen gesungen wurde (Köln), empfängt die Eintracht auf Augenhöhe. Da muss man nicht nur den Hut ziehen, sondern auch die Batschkapp und den – Chapeau!
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Auch die befürchtete babylonische Sprachverwirrung im Multi-Nationen-Kader hat den Eintracht-»Flow« noch nicht gestört. Sie sollen ja auch alle fleißig deutsch lernen, fordert Niko Kovac. Das klappt schon ganz gut, vielleicht auch, weil die deutschen Mitspieler die bessere sprachliche Lehr-Kompetenz mitbringen als einst ein Mario Basler: »Ich lerne nicht extra französisch für die Spieler, wo unsere Sprache nicht mächtig sind.«
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Deutsch zu lernen ist für die Fabian & Co. sicher genau so schwierig wie für mich das Neugriechische. Damit mühe ich mich seit zehn Jahren ab, mit weniger Erfolg als Fabian in zehn Monaten mit dem Deutschen. Zudem stünde es uns Muttersprachlern gut an, früh erworbene Deutschkenntnisse ab und zu mittels Grammatik-Buch zu überprüfen. Ich hab’s jetzt getan, mit der »Kurzgrammatik Deutsch für den schnellen Überblick«. Schon auf einer der ersten Seite ziehe ich alle Hüte, Batschkappen und Chapeaus vor den Fabians, denn die müssen zum Beispiel die starke Adjektivdeklination wie folgt lernen: »Die sogenannte starke A. tritt auf, wenn vor dem Adjektiv kein Kasus-Signal vorhanden ist, d.h. wenn es keinen Artikel gibt oder der Artikel kein Kasus-Signal hat. In diesem Fall muss das Adjektiv selbst die Kasus-Signale übernehmen.« – Ich schlage vor, dass nicht das Adjektiv, sondern »das Mario« alle Kasus-Signale übernimmt, vom Kasus knacktus bis zum Kasus beknacktus.
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Ziemlich beknackt auch die neue Sprachmasche des »Wordings«. Das ist die Kunst der überzeugend präsentierten Leerformel, die nur Eingeweihte ins Alltagsdeutsch übersetzen können. Wenn zum Beispiel Bayer Leverkusen offiziell verkündet, »es gibt keine Trainer-Diskussion«, heißt das auf gut Deutsch: »Roger, noch eine solche Schote, und du fliegst.«
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Klar, das ist nur Wording für Anfänger. Journalisten, die das Einmaleins des Wordings von Berufs wegen beherrschen müssen, wissen auch in der Version für Fortgeschrittene, was Sache ist. Eine vom Verlag beauftragte »Kommunikationsagentur« formuliert für die Redakteure von Berliner Zeitung und Berliner Kurier in fein ziseliertem Wording, dass beide Zeitungen in einer neuen Firma zusammenlegt werden, um »die Stärken zu verzahnen« und mit »konsequenter Digitalisierung (…) konsequent den Weg eines echten Neuanfangs« zu gehen, »wie ihn disruptive Entwicklungen auch in anderen Branchen verlangen«. Übersetzt: Konsequent ohne viele von euch, denn wartet nur ein Weilchen, dann kommt unser Hackebeilchen.
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Da der scharfe Zahn der neuen Zeit an der Zeitung nagt, wissen die Journalisten sowieso, was die Stunde geschlagen hat: Gürtel enger schnallen. Da muss man sie nicht noch mit Wording-Trulala von »Kommunikationsagenturen« (auch so ein Wording-Wort) veralbern. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun.
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Das war’s also für heute, bevor’s ans werktägliche Arbeiten geht. Oder wars das, bevors an’s …? Dieser vermaledeite Apostroph! Aber da hilft die Kurzgrammatik tatsächlich, empirisch erworbene Sprache theoretisch zu erklären, und zwar schon im allerersten Kapitel. Denn ohne Apostroph wird in einigen Fällen wie »ins« und ans« geschrieben, wenn der Artikel mit einer Präposition verschmilzt. Hätten Sie’s gewusst? Oder Sies? Siehste! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle