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Sport-Stammtisch (vom 29. Oktober)

Beginnen wir mit einem echten Stammtisch-Thema: Wie viel wert ist der Mensch? Um aber an der sportlichen Theke zu bleiben: Wie viel wert ist der Mensch in seiner Daseinsform als Fußballer? Da beide Fragen moralisch nicht konsensfähig zu beantworten sind, begnügen wir uns mit der  ökonomischen Antwort: Der Fußballer ist als Ware das wert, was Klubs und Berater vereinbaren. Dazu kommen die verschiedensten Interessen, gebündelt in der alten Kaufmannsregel: Ware im Schaufenster (=  auf dem Platz) verkauft sich besser als die im Lager verstaubende (= auf der Bank). Wer also öfter auf dem Platz steht als sein sportlich gleichwertiger Mitspieler, wird auf einer Verkaufsausstellung präsentiert und ist oft schneller weg, als er sein Vereinsemblem küssen kann.
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Im Fußball tobt ein irrer Preiskrieg, in dem aus allen Rohren mit Fantastillionen geschossen wird. Wäre der Fußballer eine Ware im Supermarkt, gäbe es ebenfalls einen Preiskrieg. Der wird allerdings von Pfennigfuchsern ausgefochten. Das Preis-Leistungsverhältnis bleibt in beiden Fällen ein unmoralisches. Man stelle sich bloß vor, auf dem Fleischmarkt Fußball würde ein Kilo Ronaldo verramscht wie ein Liter Milch im Supermarktregal. Oder umgekehrt. Da lacht der arme Bauer und wird Milliardär.
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Auf das Thema stößt mich ein anderer Krieg, der zwischen zwei Super-Egos, einst Superfreunde, heute Superfeinde. Ständige Leser von Gesellschafts- oder Wirtschaftsseiten wissen: Es geht um Carsten Maschmeyer und Utz Claassen. Beide aus Hannover, beide Verkaufsgenies und Finanzjongleure. Warum sich die dollsten Duzfreunde von einst heute erbittert bekriegen, das aufzudröseln verbieten die zeitlich und räumlich beengten Verhältnisse an unserem Sport-Stammtisch. Hier interessiert auch nur der Ratschlag, den Maschmeyer einst seinem Freund Claassen mailte, dem damaligen Boss von Real Mallorca: »Schlechte Spieler teuer verkaufen, gute Spieler günstig einkaufen.« Der Mann weiß, wovon er redet. Ex-AWD-Kunden auch?
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Auch Halloween funktioniert so, dieses Relikt von Dschordsch Dabbelju Bush. Denn als bei uns wegen des Irakkriegs der Fasching ins Wasser beziehungsweise Erdöl fiel, wollte die »Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie« (DVSI) den Umsatzeinbruch ausgleichen und betrieb massive Halloween-PR. Jetzt verbreitet sich der Eindringling bei uns schneller als Nilgänse, Ochsenfrösche und Waschbären. Und das, obwohl die Amis eigentlich Österreich und nicht uns beglücken wollten. Oder heißt es etwa Hallofrankfurt?
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Ja, ich weiß, den Gag hatte ich schon. Ein kleiner, aber meiner. Nicht meiner, aber ein feiner vom großen Hans Zippert: »Halloween hat hierzulande den Reformationstag völlig verdrängt. 80 Prozent aller Deutschen sind überzeugt, dass Luther 95 Kürbisse an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt hat. Der ausgehöhlte Kürbis soll uns daran erinnern, dass wir nicht hirnlos irgendwelche Bräuche aus den USA übernehmen.«
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Ich hab’s! Vor einer Woche schrieb ich, die Grusel-Clowns seien ebenfalls ein US-Import, und zwar aus dem Wrestling. Nur fiel mir der Name des bösen Clowns nicht ein, der zu Hulk-Hogan-Zeiten fiese Horror-Spielchen spielte. Doch jetzt machte es »doink«, und ich wusste es wieder: »Doink« nannte er sich, unter seiner Clownsmaske verbargen sich unterschiedliche Wrestler … wie wär’s damit, Tim Wiese?
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Na ja, Grusel-Clowns hatten wir schon immer. Ohne Maske. Neonazis, linksautonome Randalierer, gewalttätige Hooligans oder »Reichsbürger«. Verständnisbereite Menschen setzen auf den Dialog, doch sollten sie immer an den alten Spruch unter Psychiatern denken, den die Nervenärztin Heidi Kastner jüngst im Spiegel wiederholte: »Nichts ist so sicher wie der Tod und die Wahrheit des Wahnsinnigen.«
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Zu guter Letzt ein ganz anderes Thema. Fitness. Tipps dazu gibt es von Pamela Reif. Auf »Snapchat«. Die »Instagram-Königin« hat Millionen von »Followern« und nennt sich selbst eine von Deutschlands größten »Influencern«. Markenzeichen: »Ein sinnlicher Blick, den Mund leicht gespitzt und den Po perfekt in Szene gesetzt« (Handelsblatt). Ihr Pendant in den »sozialen Medien« heißt Lukas Rieger. Eine Autogrammstunde mit ihm wurde kürzlich abgebrochen, weil die Fans reihenweise in Ohnmacht fielen. Aber zurück zu Pamela: Ihre Fitness-Tipps ähneln denen in einer fast 30 Jahre alten  »gw«-Serie. So empfiehlt Fräulein Reif  als Knack-Po-Übung Kniebeugen mit einer Wasserflasche in der ausgestreckten Hand. Stimmt, prima Übung. Bei mir ging sie so: In der Hocke, Hinterteil knapp unter Kniehöhe, um den Frühstückstisch watscheln, mit der aufgeschlagenen Zeitung in den ausgestreckten Händen. Der vierfache Diskus-Olympiasieger Al Oerter  watschelte in diesem ›Entengang‹ sogar täglich um seine Sporthalle, allerdings nicht mit der Zeitung in der Hand, sondern einer 260 kg schweren Hantel auf den Schultern.
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Na, ist »meine« Übung nicht viel besser als die von Pamela? Warum bin nicht ICH der Youtube-Snapchat-Instagram-König? Warum habe ich keine Millionen Follower? Weil ich aus Angst um meine liebste Zielgruppe darauf verzichte. Denn wenn ich im Entengang um den Schreibtisch watscheln würde, mit sinnlichem Blick, leicht gespitztem Mund und perfekt in Szene gesetztem Po, würden Millionen Follower meiner liebsten Zielgruppe in Ohnmacht fallen. Und damit ist in unserem Alter nicht zu spaßen.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle