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Sonntag, 23. Oktober, 6.20 Uhr

Früh wach, stockdunkel und noch dunklere Gedanken. Sind die Gedanken und Notizen, die ich mir zwischen “Sport-Stammtisch” und “Montagsthemen” oder zwischen “Ohne weitere Worte” und “Wer bin ich?” mache, nur belangloseste Wortspielerei, Eskapismus in Zeiten einer auseinanderdriftenden Gesellschaft? Augen zu, um das Menetekel an der Wand nicht zu sehen -  das drohende, fast schon zwangsläufige Ende meiner Generation (nicht nur das unvermeidliche physische) und ihres “Gesellschaftsentwurfs”?  Fahren in unserem “Diskurs” Geisterfahrer am Steuer und wir als einverständliche oder nur die Zeit verdösende Insassen dem Totalcrash entgegen, bis zuletzt mit der Gewissheit, auf der richtigen Seite zu fahren?

Der Marsch durch die Institutionen ist längst erfolgreich beendet, die Marschierer von einst rasten in Unteren Naturschutzbehörden und oberen politischen Ämtern, aber sie ruhen nicht. Die neue Nomenklatura gibt die Gesinnungslage vor. Wer den Konsens bricht, erntet Empörung und Verachtung: Das sind doch nur dumpfe Neonazis und durchgeknallte Spießer, die um ihr Hab und Gut bibbern!

Ich bin kein Wutbürger, erst recht kein auch nur ansatzweise nationalistisch denkender Mensch und hoffentlich auch kein um seine Pfründe bangender Spießer. Aber was bin ich? In der “Zeit” lese ich einen Artikel zum 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibnitz und “was wir” von ihm “lernen können”. Gero von Randow, der Autor, schreibt: “In einem Traktat über die Politik notierte er: ‘Der Ort des Anderen ist der wahre Standpunkt sowohl in der Politik als auch in der Moral’ – damit ist gemeint, dass man sich gedanklich auf die Perspektive des jeweils anderen einlassen müsse, und zwar gerade auch eines Gegners, um ihn besser zu verstehen.” Was bin ich? Wenn das so ist: ein Leibnizianer.

In der selben “Zeit” lese ich auch Würdigungen des neuen Trägers des Deutschen Buchpreises und der neuen Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Über Bodo Kirchhoff und sein preiswürdiges Werk “Widerfahrnis” heißt es, es sei “gefühlige Stimmungsliteratur”. Nach all den Rezensionen, die ich gelesen habe, scheint dies nicht nur Kirchhoffs “Widerfahrnis” zu kennzeichnen, sondern auch Carolin Emckes “Gegen den Hass”. Stimmungsliteratur von und für die neue deutsche Nomenklatura, weit entfernt von leibnizianischem Verstehenwollen.

Nur zur Sicherheit: Verstehen zu wollen bedeutet nicht, einverstanden zu sein. Aber jetzt Schluss damit. Sowieso zu weit vorgewagt, im Dahinschreiben,  im “Flow” des Sonntagmorgenblogs womöglich gefährlich abgedriftet. In einigen Minuten beginnt es, heller zu werden, und das sollen auch meine Gedanken. Ein bissschen Eskapismus schadet ja nicht. Voila, was steht auf dem Zettel für die Montagsthemen? Das hier: Ein Hauch von Leicester – Gallusviertel – Fabian, Chandler – Russ: Dope-Idiotie und Krebsbesiegung – Wahnsinns-Zitat – Tasmania II: nicht Darmstadt, eher HSV – Reichsbürger – Hybris – Wiese und Leser-Mail – “ans” und das “war’s” – Völler zwischen den Zeilen hören … usw. usw.  Und vor allem: KKKK. Dann ist morgens um sieben die Welt wieder in Ordnung.

 

Baumhausbeichte - Novelle