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Montagsthemen (vom 24. Oktober)

Nach dem Coup gegen die Bayern, vor allem aber nach dem grandiosen »Brett« von Hamburg, staunt die Bundesliga: Frankfurt leuchtet! Ein Hauch von Leicester weht von der Elbe an den Main. Eine schöne Brise. Genießen wir sie. Aber bitte nicht zu lange in ihr sonnen – Katarrhgefahr! Außerdem weiß schon die altgriechische Dramaturgie, dass der Hybris die Katharsis folgt, also dem Hochmut der Fall und mit diesem die reinigende Läuterung. Ich kenne das.
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Beim Stichwort »Katharsis« fallen mir sofort viele Sünden ein. Ich bereue! Vor allem, um dies noch einmal demütig zu gestehen, die vorschnelle Abqualifizierung von Fabian als zwar feinfüßiger, aber ligauntauglicher Mädchenfußballer à la Caio. Einer wie Fabian macht jetzt den Unterschied! Noch einer, der ungeahnt aufblüht: Timothy Chandler. Oder all die Unaussprechlichen, die hessisch eingebürgert auf »witsch« enden: Gacinowitsch, Seferowitsch, Hradekowitsch, Abrahamowitsch, Alexmeierowitsch – diese Art Multikulti könnte sogar völkische Reichsbürger bekehren. Mit Gallusviertelfußball nach Europa!?
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In meinen Kolumnen folgt die Katharsis der Hybris schneller als im griechischen Drama. Zum Beispiel Darmstadt 98: Von mir als »Tasmania II« verunglimpft, blühen die »Lilien« sogar in Saison zwei, was niemand außerhalb und überwiegend auch innerhalb Darmstadts für möglich gehalten hätte, ich schon gar nicht. Von wegen Tasmania – eher tasmanische Teufel! Wie diese Spezies aus der Familie der Raubbeutler haben die Darmstädter Teufelskerle schon mehr Punkte im Beutel, als ich ihnen für die gesamte Saison zugetraut hatte. Von daher sollte ich mich auch hüten, der Versuchung zu folgen und den Tasmania-Titel vorschnell an den HSV weiterzureichen.
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Manchmal folgt der Hybris die Katharsis schon im selben Satz. »Ich habe heute wieder mit großem Vergnügen Ihren Sport-Stammtisch gelesen«, mailt Erhard Neurath, was mich hybrisch-tierisch freut, bevor aus Karben die Katharsis des großen »Aber« zuschlägt: »… im Bereich Wrestling scheinen Ihre Kenntnisse allerdings begrenzt zu sein. Der angesprochene ›amerikanische‹ Wrestler« heißt Cesaro und ist Schweizer. Von daher können Sie davon ausgehen, dass er sehr wohl deutsch spricht (neben englisch, französisch, schweizerdeutsch und italienisch).« – Kleinlaut gebe ich zu, Cesaros Herkunft nicht nachrecherchiert zu haben, um mir den Gag nicht zu verwiesen und vermiesen (»Wo meine Faust hinschlägt, wächst kein Gras mehr – und erst recht kein ’Wiese«).
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Ernstes, aber erfreuliches Thema: Marco Russ ist wieder gesund. Wir durften es hoffen, denn seine Art Krebs gilt als sehr gut heilbar. Aber es gab zwei unangenehme öffentliche Nebenwirkungen. Zunächst die bösartige Vermutung der pathologischen Doping-Verdächtiger, die Krebs-Diagnose sei ein Fake, um einen positiven Test zu rechtfertigen. Sie sollten sich schämen. Tun sie aber leider nicht. Jetzt die im Einzelfall gutgemeinte, generell aber unemphatische Binse, »den Krebs besiegt« zu haben. Das ist ein schiefes Bild, ein schlimmes, ein mitleidloses. Als wären die Opfer dieser Krankheit Verlierer, die sich nur ein bisschen mehr hätten anstrengen müssen. Was müssen Millionen Menschen (beziehungsweise deren Angehörige), die den Kampf nicht »gewinnen«, von diesem Krebsbesieger-Brachialdarwinismus halten?
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Das Allerletzte: Erst verspotte ich milde den Papst (wg. Ohrfeigen und Kaninchen), und noch bevor die Kolumne (»Montagsthemen« vom 10 Oktober) erscheint, verkündet Franziskus am frühen Morgen in Rom ex cathedra eine Gegendarstellung. So wichtig bin ich ihm! Als ich wach werde, dämmert mir wieder einmal, wie nahe Hybris und Katharsis beieinander liegen. Manchmal sogar im selben Bett, würden SpötterInnen sagen, aber das ist ein ganz anderes Thema.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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