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Sport-Stammtisch (vom 22. Oktober)

Erst die Klage, zu oft gefoult zu werden, dann das Lamento, Lissabon habe eine Moralregel des Fußballs aufs Unsportlichste verletzt – der BVB ist drauf und dran, sich den ersten Titel der Saison zu sichern: Jammerlappen Nr. 1.
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Die Moralregel: Wenn ein Spieler verletzt am Boden liegt, schießt seine Elf den Ball ins Aus, bekommt ihn aber anschließend zurück. Dass in der Schlussphase fast immer nur die Spieler der knapp führenden Mannschaft am Boden liegen, fürchterlich verletzt oder sich in Krämpfen windend, gehört zur unmoralischen Taktiererei mit der Moralregel. Also Schluss damit.
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Vorschlag: Nur der Schiedsrichter hat eine Partie zu unterbrechen. Wer verletzt ist, muss vom Platz und bekommt eine fünfminütige Schonzeit auf der Bank. Schnell käme es zu einem wundersamen Verschwinden von Krämpfen auf Fußballplätzen, und wer früher gerne mal halb tot liegen blieb, liefe jetzt wie ein Hase. Gegen Ende natürlich nur wie ein müder Hase.
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Wer hat als erster die Moralregel gebrochen? Meiner Erinnerung nach der Leverkusener Sergio. In der Saison 1995/96 schoss er einen Einwurf nicht zurück, sondern Kaiserslautern in die 2. Liga. Übrigens gefeiert von Leverkusen, das bei Einhaltung der Moralregel statt der Lauterer abgestiegen wäre.
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In München hatten sie schon begonnen, Pep Guardiola heiße Tränen nachzuweinen. Die sind vorerst versiegt. Die Bayern gewinnen 4:1, Pep verliert 0:4. Gegen Barcelona. Wie zuletzt mit den Bayern (0:3). »Peppige« Barca-Bilanz: Mit Messi Wunderfußball und Wundertrainer-Mythos, ohne Messi 0:7. Nur der ist einzigartig, nicht Guardiola.
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Aber ich falle nicht ins andere Extrem. Guardiola ist gewiss ein Spitzentrainer – aber nur wie, auf ihre Art, auch Mourinho, Ancelotti, Wenger oder, ja, auch Klopp. Und in München werden bei nächst schlechter Gelegenheit wieder Tränen fließen.
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Außerdem ging Manchester erst unter, nachdem ihr Torwart einen dicken Klops gebacken hatte. Fast so haarsträubend wie einst Tim Wiese, der Werder den Sieg in Turin vermasselte, als er sich als alberner Showmann auf einen schon sicher gehaltenen Ball fallen ließ, der ihm dabei wegflutschte. In Bremen unvergessen.
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Wiese ist jetzt selbst ein Klops von zweieinhalb Zentnern. Demnächst zeigt er seine Show in Wrestling-Ringen. Einer seiner US-Gegner hat ihm schon angedroht: »Wo meine Faust hinschlägt, wächst kein Gras mehr – und erst recht kein’ Wiese.« Hübscher Gag, sprachlich so deutsch wie »… nur ein’ Rudi Völler«, aber wie alles beim Catchen nur inszeniert, denn der Wrestler spricht kein Wort deutsch, den Spruch haben ihm die Drehbuchschreiber in den Mund gelegt, exklusiv für die deutsche Kundschaft.
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Wrestling war schon immer die Speerspitze mancher Bewegungen. Das Ballyhoo beim Boxen mit Buffer & Co – original Wrestling. Und die Grusel-Clowns, die aus den USA kommend nun auch Europa unsicher machen, hatten ihren bösen Vorgänger ebenfalls im Wrestling-Ring. Oder war das Vorbild schon jener mächtige Grusel-Clown, der Italien berlusconisiert hat?
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Durch »Granaten« wie Wiese, das Wrestling und die Grusel-Clowns könnte ich die Lufthoheit auch über anderen deutschen Stammtischen erobern – doch ich möchte als Verbal-Pazifist alle bellikosen Verirrungen vermeiden. Dabei hilft mir ein Interview der »Frankfurter Rundschau« mit Marcel Reif über die »kriegerische Wortwahl« in der Sportsprache. Für Reif war es »in der Ausbildung immer ein Anliegen, junge Kollegen, die einen Begriff wie ›Bombenschuss‹ oder ›Lufthoheit‹ verwendet haben, darauf hinzuweisen, dass das völlig fehl am Platz ist.« Aha! Nie mehr »Lufthoheit«!
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Wenn Sie zwischen meinen Zeilen leise Ironie spüren, täuscht sie Ihr Gefühl nicht. Immerhin gibt Reif zu: »Es wäre albern, die Sprache im Sport komplett verändern zu wollen. Das wäre Realsatire.« Bei ähnlichen Themen zwischen Sport(-sprache) und Krieg (Hooligans) verweise ich immer gerne auf ein erziehungswissenschaftliches Standardwerk (»Jugendliche Rechtsbrecher – Wege zur Vorbeugung«), in dem die Autoren Sheldon und Eleanor T. Glueck ein Bombenfazit ziehen: »Die spezifischen Treffer auf dem Wege zu einer Vorbeugung sind entwickelt worden. Sie propagieren klar definierte Zielscheiben, auf die ganz spezifische Maßnahmen treffen sollen, um die Garbe der vernichtenden Schüsse auf die allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Übelstände so dicht wie möglich zu machen. Dieser Geschosshagel wird mit der Bitte im Herzen abgefeuert, dass ein paar Kugeln irgendwie ins Schwarze treffen.«
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Ich feuere  heute meinen Wort-Geschosshagel mit der Bitte im Herzen ab, einen granatenmäßigen Volltreffer in Leser-Herz, -Hirn und -Humor zu landen. Und keinen Rohrkrepierer zu fabrizieren. Wie viele Bombenschüsse hat eigentlich die Eintracht gestern abgefeuert? Sie wissen es, denn wenn Sie diese Bomben-Kolumne lesen, ist die Schlacht bereits geschlagen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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