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Sport-Stammtisch (vom 15. Oktober)

Polizei im Stress. Nach der Rocker-Parade in Gießen muss ein Großaufgebot heute in Frankfurt den Aufmarsch der Eintracht-Ultras überwachen. Hoffentlich halten sich die Ultras an den Ehrenkodex der Rocker: Wenn schon Gewalt, dann nur untereinander. Falls nicht, sollte die Polizei in dem bösen Spiel endlich einmal als Sieger vom Platz gehen und nicht, wie üblich, in der Verletzten-Statistik zwei- bis dreistellig unterliegen. Am besten aber wäre, wie am Friedhof, wieder ein null zu null.
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Wobei ich das Anliegen der Ultras natürlich unterstütze: keine Kollektivstrafen! Weder für russische Sportler, noch für Frankfurter Fans. Der momentan in Frankfurt laufende Exorzismus-Prozess liefert die Vorgabe: Des Mordes angeklagt sind die an der Tat Beteiligten. Und nicht der Papst und die katholische Kirche.
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Egal, wie es ausgeht, einen Fair-Play-Preis werden die Ultras wohl nicht gewinnen. Im Gegensatz zu Niko Kovac, der ihn bekommt, weil er nach dem Sieg in der Relegation zuerst die weinenden Verlierer getröstet hatte, bevor er mit seinen Siegern feierte. Noch viel preiswürdiger wäre aber, wenn Kovac auch heute zuerst die weinenden Verlierer tröstet, bevor er mit seinen Siegern feiert.
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Keinen Play-Preis, schon gar nicht den mit einem »Fair« beginnenden, verdient Kovac’ kroatischer Landsmann Ivica Olic. Bild verleiht ihm nur den nicht übermäßig ehrenvollen Titel als »Wett-Depp«, und den hat sich Olic unredlich verdient. Aparte logarhythmische Konsequenz von Internet-Werbung: Bild klinkt in den Online-Artikel über Olic’ verbotene Wetten Werbung für erlaubte Wetten ein. Na ja, für mich ist die ganze heutige Wetterei »verboten«. Nur weil es sie nicht ist, gibt es den Milliardenmarkt mit -zig Wettmöglichkeiten und im Gefolge all den Manipulationen. An der altehrwürdigen Elferwette würden Zock-Gauner kläglich scheitern.
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Schwer vorstellbar, dass ein Dirk Nowitzki wie Olli Kahn Reklame für einen Wettanbieter machen könnte. Skeptiker meinen allerdings, »Dibadu« sei auch nicht viel honoriger. Immerhin ist er dort in guter (auch hier setzen manche ein Fragezeichen) Gesellschaft, denn Peer Steinbrück verlässt den Bundestag und wechselt im Rekordtempo, fast so schnell wie Benteke mit seinem Tor gegen Gibraltar, als Berater zur ING-DiBa. Wechselt im Gegenzug Dirk Nowitzki als Berater der Bundesregierung in den Bundestag? Das hätte was.
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»Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Bert Brechts berühmtes Bonmot wirkt heute aus der Zeit gefallen, denn es gehen mehr Banken pleite, als gegründet werden. Im Fußball könnte Brecht heute sagen: Was sind Manipulationen von Spielen gegen den Besitz von Spielern? »Wett-Deppen« wie Olic sind kleinste Fische, die Hechte im Fußballteich heißen … nein, keine Namen, sonst gibt’s Klagen. Aber eine Zahl: Spielerberater verdienten in der vergangenen Bundesliga-Saison alleine mit ihren Provisionen 128 Millionen Euro. Wobei Insider einwenden, das Geld lande nicht komplett auf den Konten der Agenten, sondern fließe zum Teil als Rück-Provision in die Taschen von Klubverantwortlichen. Fachausdruck: »Kick-back-Modell«.
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Der Manipulationsmöglichkeiten sind viele. Wie wohltuend, dass es noch Verkäufer gibt, die großzügig echte Rabatte einräumen. Wie Floyd Landis. Der Ex-Toursieger, der zuerst selbst als Doper aufflog und dann Lance Armstrong auffliegen ließ, hat eine Gesetzesänderung in Colorado genutzt, das Metier gewechselt und baut jetzt legal Cannabis an. In alter Verbundenheit gewährt er Mitgliedern des US-Radverbandes 15 Prozent Rabatt. Hast du Haschisch in den Taschen, hast du immer was zu naschen. Und zu lachen.
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Galgenhumor. Selbst der vergeht Betty Heidler, die in dieser Woche die Silbermedaille im olympischen Hammerwurf von 2012 in London gewann. In diesem Rhythmus wird ihr in vier Jahren die Goldmedaille nachgereicht, und irgendwann stellt sich heraus, dass Eddie »The Eagle« Edwards alle Skispringen gewonnen hat, bei denen er hinterher geflattert ist.
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Schlusswort zur Sache von Marcel Kittel. Unser Radsprinter zu den diversen medikamentösen Ausnahmegenehmigungen für Olympiasieger Bradley Wiggins: »Wenn jemand schweres Asthma hat, dann hat er im Leistungssport nichts zu suchen. Wir haben auch die Paralympics deswegen eingeführt, weil wir den Einbeinigen eine Chance geben wollen, sich mit anderen zu messen.« Allerdings wird Kittel mit seinem überpointierten Gag bei paralympischen Sportlerkollegen keinen Fairnesspreis gewinnen.
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Mächtig was los in dieser Woche. Allen voran die Syrer, die den Terrorverdächtigen fesselten und den Sicherheitskräften übergaben. Der spätere Selbstmord war leider nicht zu verhindern. Unter den Sicherheitskräften im Leipziger Knast gab es keine Syrer.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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