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Ein Schmuggler? (“Wer bin ich?” vom 13. Oktober)

In einem Eurer Olympiabücher lese ich, ich habe die Goldmedaille gewonnen, obwohl ich zuvor wegen »schlechten Benehmens« lebenslang gesperrt worden sei. Solch einen Quatsch kommentiere ich erst gar nicht und setze ihm nur meine einfache Logik entgegen: Wenn ich lebenslang gesperrt worden wäre, hätte ich nicht an den Spielen teilnehmen dürfen, ich habe aber teilgenommen, also kann ich nicht lebenslang gesperrt worden sein. Kapiert?
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Überhaupt kursierten bei Euch seltsame Gerüchte. Ich sei eine große Nummer in der Unterwelt, ein Goldschmuggler ersten Grades, einmal sei in meiner Badewanne eine tote Frau gefunden worden, die Ermittlungen seien aber eingestellt worden, weil der Ministerpräsident, den ich sehr gut gekannt habe, persönlich eingeschritten sei. Viel Spekulation, viel »sei«, aber Ihr habt halt von nichts eine Ahnung und vor allem nichts davon, was in unserem Staat Sache war.
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Also gut, einen Fall kommentiere ich nun doch, denn er zeigt Euch, wie es bei uns zuging. Geschmuggelt haben bei uns alle, jedenfalls wenn sie zu der Gesellschaftsschicht gehörten, die in einem anderen Land »Reisekader« genannt wurde. Also Politiker, Promis und Sport-Asse. »Transfer von Devisenwerten« hieß das im Amtsdeutsch (das natürlich nicht Euer Deutsch war), und einmal schrieb der Generalstaatsanwalt dem Ministerpräsidenten (Sie wissen doch: mein »Freund«), das sei überall üblich, und wenn man alle »Täter« zur Verantwortung zöge, würde das zur Auflösung unserer Sportart führen, und nicht nur unserer. Daher die stille Devise: Unter den Teppich kehren! So viel zu meinem angeblichen Goldschmuggel.
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Meinen Olympiasieg habt Ihr kaum beachtet. Ihr hatte andere Freuden. Und Sorgen. Dabei ging es so spannend zu wie noch nie. Ich gewann mit dem knappsten Vorsprung überhaupt, und auch der Dritte lag fast gleichauf. Von Euch waren drei Athleten im Endkampf, bis heute eine Seltenheit, aber sie spielten für mich und um die Medaillen keine Rolle. Vielleicht habt Ihr Euch deshalb so viele Geschichten über mich ausgedacht.
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Einer zum Beispiel schwadronierte einmal, ich tränke Wodka wie Wasser. Kurz vor einem Wettkampf sei ich in sein Zimmer gekommen, habe eine volle Flasche geschwenkt und ihn aufgefordert, sie jetzt, auf der Stelle, mit ihm zum Zeichen unserer unverbrüchlichen Freundschaft auszutrinken. Humbug! Ich kennen diesen Loser überhaupt nicht, habe ihn nie bewusst wahrgenommen. Jedenfalls nüchtern nicht.
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Aber ich weiß, warum diese Typen sich ihre Geschichtchen ausdachten. Weil sie mich bewunderten und beneideten. Einer von ihnen hatte das sogar richtig erkannt. Am Abend vor einem Wettkampf saß er frustriert im Speisesaal des Athletenhotels, da ihm die Tussi hinter dem Tresen trotz höflicher Bitten keine Extraportion bewilligt hatte. Von seinem Tisch aus sah er, wie sie mir ebenfalls nur die Standardportion auf den Teller schaufelte. Später schilderte er die Szene so: »Der rührt sich nicht, der sagt nichts, klopft nur grimmig mit seinem Teller auf den Tresen, es scheppert, und schon erschrickt die Frau und häuft seinen Teller voll. Der hat halt was, was ich nicht habe – und was mir zur Weltklasse fehlt. Etwas Undefinierbares, Animalisches.« Recht hat er, der Loser!
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Ich hätte ihm einen Tipp geben können: Bloß als Beifahrer oder auf dem Rücksitz kommt man nicht weit, man muss das Steuer schon selbst in die Hand nehmen. Nach diesem Motto lebte ich auch nach der Zeit als aktiver Sportler. Ich machte zwar pro forma mein Trainerdiplom, konzentrierte mich aber auf andere Dinge. Nein, nicht auf Goldschmuggel. Ich wurde Sänger und Schauspieler, nahm Schallplatten auf und spielte sogar in einem Film eines weltberühmten Landsmannes mit. Später »arbeitete« ich auch in jenem bequemen Job, bei dem man als Ex-Sportass nur belangloses Zeug labern muss und viel Geld dafür kassiert. Ich war einer der ersten überhaupt, bei Euch vermehren sie sich heutzutage wie die Karnickel und haben die Berufsbezeichnung »Experte«.
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Na ja, vielleicht habe ich jetzt ein bisschen zu prollig auf den Putz gehauen. Im Jenseits sieht und hört man das nicht gerne. Dass ich zu früh hier her gekommen bin, lag auch daran, dass ich gegen meine Lebensmaxime verstoßen habe: Man muss das Steuer selbst in die Hand nehmen. Auf dem Rücksitz kommt man nicht weit im Leben. – Wer bin ich? (Einsendeschluss: Dienstag, 18. Oktober) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle