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Sonntag, 9. Oktober, 6.55 Uhr

Drei Deutsche beim Ironman vorn. Triathlon ist also eine neue deutsche Domäne. Wie zuvor Biathlon. Zwei Sportarten der Moderne, bei denen ich an eine Notiz denke, die ich vor kurzem in den Zettelkasten gelegt habe. Werde sie für die Montagsthemen raussuchen (“Enzyklopädie der vergessenen Sportarten”). Auch den Papst will ich gebührend würdigen (“Jedes Kind hat das Recht auf einen ordentlichen Fußball”). Eine der vielen plakativen Ansagen aus dem Vatikan (Kaninchen/Ohrfeigen). Steinbrück und Nowitzki kommen auch rein, Draxler (der von Bild) ebenfalls mit seiner und meiner “Schande” von Gijon. Zum Länderspiel wenig bis nichts. War sehr schön anzusehen, hat sehr wenig Aussagekraft. Was ich lustig finde: Erst wird Gomez als Heilsbringer gefeiert, dann fällt er aus, und in der Liga verstolpert er wieder. Dann wird über Müllers Torflaute gerätselt, und schon trifft er wieder.

Ach so, ich wollte ja berichten, dass ich in der Blog- und Kolumnenpause in Griechenland war. Ich wollte eine ähnliche Reise machen wie in früheren Jahren, als die Familie pauschal gebucht dorthin reiste und ich sie, mal vereinbart, mal überraschend, besuchte, auf dem Land- und Seeweg. Diesmal machte ich es nicht ganz so aufwändig. Das Alter fordert seinen Tribut. Aber immerhin: Mit dem Flugzeug nach Kerkyra (= Korfu). Dort einen halben Tag Aufenthalt, genutzt mit Bus und Taxi zur Stadt- und Hafenrundfahrt. Fortsetzung der Flugangst-Konfrontationstherapie mit Propeller-Flug: Start in Korfu, Landung auf Lefkas, Start auf Lefkas, Landung auf  Kefalonia, Start auf  Kefalonia, Landung auf Zakynthos. Alles in gerade mal zwei Stunden, fast wie Kick-and-rush-Fußball: Ruff un runner, ruff un runner. Auf Zakynthos mit dem Taxi nach Limni Keriou, dort als Überraschungsgast aufgetaucht (Bub & Co. staunten). Zurück morgens um vier mit Taxi zum Busbahnhof, von dort mit dem Fernbus zum Hafen, auf die Fähre und von Kyllini  mit dem Bus weiter nach Athen. Dort mit Stadtbus zum Flughafen. Clou bei der Ankunft in Frankfurt: Der Jet schwebte von Osten her ein, hatte schon die Autobahn gequert, schwebte über der Landebahn, noch maximal ein, zwei Sekunden bis zum Touch Down, da reißt der Pilot die Nase hoch und steil geht es wieder in den Himmel. Nach ein paar Schrecksekunden – leise Entsetzensschreie, die Frau neben mir vergräbt den Kopf verzweifelt im Schoß ihres Mannes (nehme ich an, oder hatte es andere Gründe? Kleiner Scherz), dann einen Moment lang Totenstille – meldet sich der Kapitän mit den lapidaren Worten: “Wie Sie bemerkt haben, mussten wir die Landung abbrechen. Grund: Die vor uns gelandete Maschine konnte die Bahn noch nicht verlassen. In zehn, 15 Minuten versuchen wir es wieder.” Ich dachte, mit dem Ding komme ich in die Nachrichten, aber nicht mal online in den Flughafen-News wurde der Vorfall erwähnt. Tags darauf rufe ich bei der Lufthansa-Pressestelle an. Leicht hochstapelnd meldet sich der Rentner mit Name und Ex-Beruf. Prompt kommt der Rückruf, sehr einfühlsam, sehr wortreich. Wahrscheinlich fürchten sie, ein durchgeknallter Provinzschreiber wittert die Chance seines Lebens und spekuliert auf eine exklusive Beinahe-Katastrophe-Schlagzeile. Kurzzusammenfassung: So etwas sei reine Routine und nicht mal meldepflichtig, alleine eine Sache zwischen Pilot und Tower. Komme allerdings nicht oft vor.

Das will ich hoffen. Zurück nach Griechenland: Oberflächlich gesehen von Krise keine Spur. Wenn ich mich radebrechend unterhalte (“milas poli kala ellinika!” – “Ochi poli kala. Mono ligo, alla matheno”), wird aber gejammert. Hass auf die deutsche Politik, Freundschaft mit dem deutschen Volk, also mit mir. Was mir wieder einmal auffiel, nach all den Jahren, waren die kleinen Zeichen für mangelndes Gemeinschafts-, nein Gesellschaftsgefühl der Griechen. Der Staat ist der Feind, nur gut dazu, ausgenutzt zu werden. Die Familie, die Freunde sind alles. Wohl Relikt aus der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft. Ein Indiz: Im Stadtbus auf Korfu. Mächtig viel Verkehr. Nach jedem Halt braucht der Busfahrer sehr lange, bis er sich wieder in den Verkehr eingefädelt hat. Niemand nimmt Rücksicht, alle brettern vorbei. Bei uns hält fast jeder, wenn der Bus an der Haltestelle links blinkt und weiterfährt. Zurück mit dem Taxi. Der Fahrer rammt sich im rücksichtslos darwinistischen Stil durch den Verkehr. Aber so bald links oder rechts ein anderes Taxi einbiegen will, hält er sofort rücksichtsvoll an und lässt den Kollegen vor. Der eigene Clan gegen den Rest der Welt.

Oh, schon halb acht. Viel Zeit verplaudert. Montagsthemen warten. Da kommt KKKK. Tschüss.

Baumhausbeichte - Novelle