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Montagsthemen (vom 10. Oktober)

Sehr schön anzusehen, aber wenig Aussagekraft. Die Tschechen spielten, wie ein »Hase« in der Leichtathletik läuft: Vom Ass engagiert, um diesem einen idealen Wettkampf vorzubereiten. Als habe Löw seinem Kollegen vorab einen Wunschzettel überreicht. Jarolim erfüllte ihn, holte alle Geschenke, aber überflüssigerweise auch zu oft den Knüppel aus dem Sack. Interessant wird es erst wieder, wenn unterlegene Gegner aserbaidschanisch spielen.
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Man stelle sich bloß vor, in Hamburg wäre nicht Löws Wunsch, sondern der des Papstes erfüllt worden. Sprachmächtig und plakativ wie stets fordert Franziskus, jedes Kind habe das Recht auf einen Fußball. Klingt nach dem abgedroschenen Kalauer von Fußball-Banausen, die scheinbar verwundert fragen, warum sich alle um einen Ball balgen – »gebt doch lieber jedem einen«. In Hamburg war’s gerade deshalb so schön, weil die 22 auf dem Platz nur einen Ball hatten.
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In Sachen Kinder hat der Papst sowieso ganz eigene Vorstellungen, siehe sein Kaninchen-Vergleich oder die kräftige Ohrfeige, die noch nie geschadet habe. Aber jetzt mal im Ernst: Jedes Kind hat nicht das Recht auf einen Fußball, sondern einfach nur auf Fußball, und zwar in Frieden und Freiheit, so wie bei uns. Leider nur eine Utopie der unwahrscheinlichsten Art.
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Ungewohnt pathetisch für diese Kolumne? Das kann ich ändern. Also: Drei Deutsche beim Ironman vorn. Bravo. Sensationell. Triathlon, die neue deutsche Domäne. Wie zuvor Biathlon in Magdalena-Neuner-Zeiten. Zwei Sportarten, die früher nicht möglich gewesen wären. Laufen, Springen, Werfen und mit einem Ball spielen, das ging und geht immer und überall. Aber was hätte der Läufer von Marathon für ein Fahrrad gegeben! Jedenfalls nicht sein Leben.
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Bei allem Respekt für großartige Leistungen vermute ich dennoch, dass in einer »Enzyklopädie der vergessenen Sportarten« später einmal  auch Triathlon und Biathlon auftauchen werden. Das Buch gibt es wirklich, ist soeben erschienen und führt einst populäre Sportarten auf wie Eistennis oder Codeball (eine Art Golf-Fußball-Duathlon). Nicht aufgelistet ist der »3000-Meter-Hindernislauf für Männer, die sich für Hühner halten« (aus Monty Python’s »Olympiade der Idioten«), dafür aber das Feuerwerksboxen. Hier mussten die Kämpfer einen Asbestanzug tragen und wurden während des Fights mit Feuerwerkskörpern beschossen. Eine Sportart, die jedoch nicht vergessen ist. Fußball-Ultras arbeiten an einer modernen Version beim Kampf Block gegen Block. Aber Asbestanzüge? Nur für Kinder!
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Beinahe hätte ich in diesen Montagsthemen eine Berichtigung des Sport-Stammtischs vom Samstag schreiben müssen, in dem ich von der »Schmach von Gijon« geschrieben und sie nach Mexiko verortet hatte. Dass ich darauf verzichten konnte, verdanke ich einem Leser, der die Kolumne frühzeitig online gelesen hatte (»1982 war die WM in Spanien. Mexiko war 1986. Gruß aus Bonn, Ralf Protzel«). Aber dann lese ich am Samstag in der »Bild«-Kolumne »Nachgehakt« des »Sport-Bild«-Chefredakteurs Alfred Draxler« über die »Schande von Gijon‹, das »2:3 gegen Österreich bei der WM 1978 in Argentinien«. Ich bin völlig verwirrt. Kann ich nicht mal mehr bewährten Leser-Helfern vertrauen? Völlig verunsichert googele ich die Sache. Siehe da: Draxler hatte keinen Protzel und lag daher daneben. »Meine« Schande war die von Gijon, Draxlers Schande die von Cordoba, und in Bern höre ich Herbert Zimmermann rufen: »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen… Rahn schießt … Tor! Toor!! Tooor!!!
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Quatsch, hier geht’s ja völlig durcheinander. Aus dem Off höre ich Edi Finger in Cordoba rufen: »I werd narrisch!« Und Zimmermann, der weiß, dass diese Kolumne in der letzten Zeile angekommen ist, schenkt ihr das Schlusswort: »Das Spiel ist aus .. aus … aus!«

Baumhausbeichte - Novelle