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Sport-Stammtisch (vom 8. Oktober)

Unser Verlag feiert 70. Geburtstag. Das erschreckt mich, denn während ich unsere Sonderseiten zum Jubiläum lese (übrigens: toll gemacht, liebe Ex-Kollegen!), dämmert mir: So alt bin ich ja auch schon fast! Fehlt nur noch ein Jährchen. Seltsam.
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Schon seit Kindergartenzeiten lese ich unserer Zeitung, denn damals stand montags auf der ersten Politik-Seite ein großer Ergebniskasten, und ich wollte doch unbedingt wissen, wie »Mankester Kiti« (mit Bert »das Genick« Trautmann im Tor) und vor allem »mein« VfB gespielt haben. Mit dieser Wissbegier lernte man bzw. Kind im Turbo-Tempo Lesen.
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Und Schreiben. Als »gw« (= Gerhard aus Wetzlar«) aktiv wurde ich 1972, und als »gw« wurde ich jetzt auch gefragt, an welche Höhepunkte meines Schaffens ich am liebsten zurück denke. Falls Sie, liebe Leser, nun vermuten, diese ersten Zeilen des heute sehr langen Sport-Stammtischs seien der Einstieg in eine Selbstbeweihräucherung, sind sie schief gewickelt. Denn wenn ich zurück denke, fallen mir keine Höhepunkte ein, wahrscheinlich gab es auch gar keine, denn redaktionelle Arbeit wird nicht von persönlichen Höhepunkten geprägt, sondern vom täglichen Bemühen, eine ordentliche Zeitung zu machen. Nein, wenn ich zurück denke, fällt mir nur ein Tiefstpunkt ein, und jedes Mal schaudert es mich wieder
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Weil:1982 bei der WM in Spanien scheidet Algerien aus, nachdem sich Österreich und Deutschland in Gijon auf einen Nichtangriffspakt geeinigt haben. Nach dem einvernehmlichen Gekicke zulasten Algeriens gebe ich zunächst, ganz sachlich, in einem aktuellen Kurzkommentar die Schuld dem Reglement, weil der Modus noch keine zeitgleichen letzten Gruppenspiele vorsieht. Den Fußballern kann man, schreibe ich, keinen Vorwurf machen, denn sie handelten so wie alle Sportler in Vorentscheidungen, zum Beispiel bei olympischen Vorläufen: Niemand, der sich leicht und locker qualifizieren kann, verpulvert unnötig seine Kräfte. Klare Sache.
Als sich aber ganz Medien-Deutschland aufregt und den ARD-Reporter Stanjek wegen der Courage lobt, seine Verachtung deutlich gezeigt zu haben, da denkt der kleine »gw«: Das kann ich auch, das toppe ich … und schickt – »im Namen unserer Leser«! – ein heuchlerisches Entschuldigungs-Telegramm an die algerische Botschaft. Stolz veröffentliche ich es auf der ersten Sportseite (nur deshalb schicke ich es ja auch ab). Aber au weia!! Aus rechten Löchern geifert es, zum Teil mit gefährlich klingenden Drohungen, was mich noch am wenigsten berührt (aber heute an die latente Gefahr erinnert, die wir wohl alle verharmlost haben). Aus der linken Ecke scharen sich Betroffenheitsbeseelte um mich, die sich wieder einmal schämen, Deutsche zu sein. Sie vereinnahmen mich als einen der Ihren und verteidigen mich nicht nur gegen Neonazis, sondern auch gegen die sich nicht schämenden unstolzen Deutschen, wie ich einer bin.
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So wurde die Schmach von Gijon die Schmach von »gw«. Eine Lektion fürs Leben. Unsere Leser können seitdem sicher sein, dass ich mein Mäntelchen nie mehr in den Wind hänge oder im Mainstream mitschwimme. – Nicht nur am Rande sei noch notiert, dass Dr. Christian Rempel, Vater des heutigen Führungsduos unserer Zeitung, sich im damaligen Shitstorm unerschütterlich und wie selbstverständlich vor und hinter seinen Redakteur gestellt hatte. Noch einmal Danke!
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Es gibt genügend Gegenbeispiele. Im letzten Jahr des vergangenen Jahrhunderts schrieb ich einen umfangreichen Text, der mir sehr schwer fiel, da ich viel von mir selbst preisgeben musste. Ich glaubte aber, es sei wichtig, aus erster Hand über das staatlich geforderte und geförderte Doping in der alten Bundesrepublik zu berichten. Der Text ist damals in Auszügen als »Anstoß«-Serie erschienen und immer noch ungekürzt unter dem Link »Sport-Leben« im Internet-Ableger dieser Kolumne (»Sport, Gott & die Welt«) zu lesen.
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Warum ist diese Geschichte nicht in Buchform erschienen? Den ersten Teil des Manuskripts hatte ich dem M&M-Verlag angeboten. Ich erhielt begeisterte Reaktionen, man wollte den Text unbedingt veröffentlichen. Eines Tages rief sogar Helmut Digel an, damals DLV-Präsident, und redete mich eine Stunde lang fast bewusstlos. Wie toll das Geschriebene sei, wie verdienstvoll von mir usw. usw. Ich solle es unbedingt fertigstellen, und Walter Jens wolle in seiner Jubiläumsrede (100 Jahre DLV) darauf eingehen und daraus zitieren.
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Ist ja prima, dachte ich, zumal Digel als Querdenker galt, als unbestechlicher Feind des Dopings, als weißes Schaf unter all den heuchlerischen, geldgeilen und machtgierigen hochrangigen Funktionären. Ich schrieb den Text zu Ende, in dem jetzt nach meiner eigenen Verantwortlichkeit auch die von Politik und Verbänden (und, ja, auch Journalisten) thematisiert wurde. Ich schickte das Manuskript ab, erhielt monatelang keine Antwort, fragte dann nach und bekam ein Formblatt geschickt: »Passt inhaltlich nicht in das Verlagsprogramm« … blablabla. Ich fragte telefonisch bei Digel nach, was das zu bedeuten habe. Er tat so, als wüsste er von nichts, wolle sich aber darum kümmern. Was er nie tat. Denn der Clou: Digel war Herausgeber der Reihe des M&M-Verlages, in dem mein Text erscheinen sollte, er muss ihn also selbst abgelehnt haben. Logik: Wenn Sportler sich bezichtigen, prima, das wird veröffentlicht – wenn Funktionäre und Politik angeklagt werden, wird es unterdrückt. Digel hätte also schon 1999 dafür sorgen können, in Kenntnis meines Textes, dass bekannt wird, dass, wie und in welchem Ausmaß Doping in der Bundesrepublik gefördert und gefordert wurde. – Im heutigen Deutschland kann man diesen Satz übrigens nach den neuen Förder-Richtlinien im Präsens wiederholen, aber das ist ein anderes Thema.
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Aktueller Knalleffekt: In diesen Tagen wird bekannt, dass Digel, der mit dem Ticket des unbestechlichen Querdenkers Karriere gemacht hat und als gutes Gewissen der Leichtathletik galt, als »Ehrenamtlicher« im Leichtathletik-Weltverband kräftig abgesahnt haben soll, neben Tagesspesen von 250 Dollar auch noch 3000 Dollar pro Monat, und das »offenbar ohne Rechtsgrundlage«, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt und feststellt: »Zwei Jahrzehnte gab sich der deutsche Spitzenfunktionär Helmut Digel als Mahner, Querdenker, Vorkämpfer im Anti-Doping-Kampf. Jetzt bringen ihn dubiose Zahlungen in Erklärungsnot.« – Ich gebe gerne zu, ganz und gar unklammheimliche Schadenfreude zu spüren.
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Ach ja, das Thema Doping. Manchmal fühle ich mich wie ein Junkie, der vergeblich versucht, von seinem »Stoff« loszukommen. Ich habe den kalten Entzug auch oft angekündigt, was erfahrenen Lesern nur ein mitleidiges Lächeln entlockt hat. Aber dann wollte ich es wirklich wissen: Abgestoßen von den vollprolltätowierten Unterarmen vieler Fußballprofis gelobte ich in dieser Kolumne, mir jedes Mal ein Tattoo stechen zu lassen, wenn ich noch einmal über das D.-Thema schreiben sollte. Hätte ich mein Wort gehalten, stünde ich schon längst im Buch der Rekorde. Als ganzkörpertätowiertester Mensch der Welt.* (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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