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Der Schrei der Kraniche (Seniorenjournal vom 1. Oktober 2016)

Gut geschlafen? Ältere antworten mit einem langen Monolog. Jüngere fragen sich, was die Frage soll. Gut geschlafen? Keine Ahnung, sagen sie. Woher sollen sie das auch wissen? Sie haben doch geschlafen.
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Die junge Welt spielt irgend so ein Smartphone-Spiel mit Monsterchen, ich spiele Skat. Gegen eine alte Frau und einen alten Mann. Mit eingeschobener CD auf dem Computer. Macht Spaß. Wage die wildesten Spiele, Kreuz ohne sechs, Null ohne Siebener. Leider sehen meine beiden Gegner auf dem Bildschirm aus wie schlimmste Spießer aus den 50er Jahren.
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Manche Männer mögen von ihrer plötzlich ins Zimmer kommenden Frau bei der Beschäftigung mit anderen Bildern auf dem Bildschirm peinsam überrascht werden, die meine rollt nur mit den Augen, wenn sie die beiden altvorderen Kleinbürger sieht. Vor allem die typische Hausfrau tief aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie gewinnt sogar am häufigsten. Mir fast so peinlich wie Porno … Moment mal, pssst, …
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… ich hör da was. Jetzt sehe ich es auch. Sie fliegen also wieder. In V-Formation und mit schrillem Schrei. Kraniche. Immer wieder ein erhebender Anblick. Als ich jung war, sehr jung, habe ich sie nie gesehen. Gab es sie nicht? Flogen sie andere Routen? Oder habe ich nie in den Himmel geschaut, sondern nur nach vorne?
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Zum ersten Mal hörte ich von ihnen als kleiner Bub im Zeltlager (in Kirchvers. Waren Sie auch da?). Abends, beim Lagerfeuer, sangen die Großen das Lied von den Wildgänsen. »Unstete Fahrt, habt Acht, habt Acht, die Welt ist voller Morden.« Wohliger Grusel im dunklen Wald, aber inmitten der Großen fühlte ich mich geborgen. Die Flammen loderten hoch, und wenn ich später daran zurück dachte, ahnte ich, was die Lichtdome bei den Reichsparteitagen sollten. Seitdem reagiere ich allergisch auf Massenwohlfühlaktionen. La Ola im Stadion? Schrecklich.
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Aber der kleine Bub fühlte sich schaudernd wohl, und als die Großen den Text variierten und »Wildsäue rauschen durch die Nacht« sangen, fand er das geradezu un-glaub-lich witzig. Nun ja, mein Humor hat sich gewandelt. Der eines anonymen Schreibers der linken »taz« offenbar nicht. Er glaubt, un-glaub-lich witzig zu sein, wenn er über »Brutzelrentner auf dem Grill« schreibt. Die sehen, so die »taz«, aus »wie Schweinebraten«, das sei ihnen aber »völlig egal«, denn »bei den vielen Krankheiten alter Leutchen fällt Hautkrebs sowieso nicht mehr auf. Außerdem braucht es bei all den Lappen und Runzeln einfach länger, bis die Sonne in jeden Winkel vorgedrungen ist.« »Die Brutzelrentner sollten deshalb durchhalten, bis sie durch und durch gar sind.« Als alter Kolumnenschreiber sage ich dem jungen: Un-glaub-lich witzig! Und ganz und gar nicht ganz gar.
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Och, wie humorlos, meine Reaktion? Mhmm. Kann sein. Aber ich finde es nun mal nicht spaßig, wenn ein für »Digitale Medien« zuständiger »FAZ«-Redakteur eine »neue Rebellion« fordert (»Es wird Zeit, dass die Jüngeren wieder härter mit den Älteren abrechnen«) oder ein ZDF-Mann twitternd und rhetorisch fragt, »ob es klug ist, dass bei Zukunftsentscheidungen Alte mit abstimmen dürfen«. Von »taz« über »FAZ« bis »ZDF« – die neue große Koalition der Unbarmherzigen.
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Wenn die Kraniche ziehen, denke ich in diesem Herbst zum ersten Mal an die älteren unter ihnen. Fliegen sie überhaupt mit? Oder bleiben sie zu Hause, demütig den Hunger- und Erfrierungstod erwartend? Oder rappeln sie sich auf, sammeln letzte Kräfte und flattern hinterher – bis ihnen die Kräfte schwinden und sie wie Steine vom Himmel fallen? Der Zug der Kraniche: Survival of the fittest = Death of the oldest? In der Natur hat der Mensch in Sachen Senioren ein Alleinstellungsmerkmal. Noch. Trotz »taz«, »FAZ« oder »ZDF«
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Das »Moment mal« hat einen Moment zu lange gedauert. Was wollte ich heute so alles aus meinem progressiven Alttag erzählen! Der Schrei der Kraniche hat es verhindert. Bleibt mir nur noch, von meiner völlig neuen physikalischen Erkenntnis zu berichten. Wie man weiß, ist das Glas für den Optimisten halb voll, für den Pessimisten halb leer. Jetzt aber komme ich in die Jahre, in denen der leere Bierkasten von Woche zu Woche voller wird, wenn ich ihn zum Auto trage. Aber bis der leere Kasten so schwer wie früher drei volle wirkt, werde ich auch das noch schaffen. Und immer daran denken: Unstete Fahrt, habt Acht, habt Acht …

Baumhausbeichte - Novelle