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Montagsthemen (vom 26. September)

Zwei alte Männer begegnen sich auf einer Kreuzfahrt am Nordkap  und kommen ins Gespräch. Wie es der Zufall will, treffen sie sich auf ihrer nächsten Kreuzfahrt wieder, diesmal im Indischen Ozean. Irgendwo dazwischen liegt Hamburg, und wie es der Zufall in Zusammenarbeit mit Reichtum und Langeweile noch einmal will, retten die beiden alten Kreuzfahrer zwischen exklusiven Ausflügen und Captain’s Diner  nicht schwadronierend  die Welt (wie wir alten Männer das am heimischen Stammtisch tun), sondern … nun ja, was folgt, ist Geschmacksache: helfen dem HSV auf die Beine oder richten ihn zugrunde. Die beiden alten Männer heißen Klaus-Michael Kühne, der dem HSV das Geld, und sein Zufallsberater Reiner Calmund, der den Senf dazu gibt.
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Am nächsten Spieltag muss Köln nach München. Wenn zur Liga-Regel würde, dass jener Trainer fliegt, der als erster beinahe gegen die Bayern punktet, dann wehe Bernd Stöger!
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Den Kölnern kann womöglich nur Pep Guardiola helfen. Der Ex-Bayerntrainer ist verantwortlich für den Hybrid-Rasen, dessen natürlicher Anteil verwelkt und den Spielfluss hemmt, statt ihn, wie Guardiola  wollte, tiki-taka-mäßig zu beschleunigen.
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Da das Spielfeld aussieht, »als hätte eine Horde Milchkühe darauf herumgetanzt« (Neue Zürcher Zeitung), komplett aber erst nach der Saison ausgetauscht werden darf, suchen die Bayern Hilfe bei einem Wunderheiler, einem Rasenflüsterer, der die echten Grashalme wieder zum Leben erwecken soll. Dan Duffy heißt dieser Greenkeeper, ein Australier, der schon  einen Pokal als bester Rasenpfleger (»groundsman«) Großbritanniens gewonnen hat, wie ich in der NZZ lese. In meiner Erinnerung lese ich, wer wirklich Schuld ist am Münchner Rasen-Desaster: Uli Hoeneß! Als Lothar Matthäus einst als Trainer für die Bayern ins Gespräch gebracht wurde (vornehmlich von ihm selbst), knurrte er spöttisch: »Der wird bei uns  nicht mal Greenkeeper im  Stadion.« Hochmut kommt vor dem Tanz der Milchkühe! Mit Loddar als Greenkeeper wäre das nicht passiert.
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Matthäus hilft also nicht dem Gras auf die Beine, sondern mir auf die Sprünge zum nächsten Thema: Beckenbauer in Bad Nauheim. In kaiserlicher Wurstigkeit habe ich am Samstag mit den Zahlen geschlampt, was aber den Vorteil hat, richtig hübsche Leserreaktionen zu bekommen. Dankeschön dafür. Korrigierte Schludrigkeit: Das Bad Nauheimer Waldstadion wurde nicht 1984, sondern 1964 eingeweiht, im Jugendspiel schoss Beckenbauer nicht elf, sondern »nur« zehn Tore, und das Freundschaftsspiel Bayern – FSV fand 1994 und nicht 1984 statt.
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Bruno Müller (Bad Nauheim) weiß es ganz genau, denn: »Mein Sohn Mario und ich waren nach einem Telefonat mit Uli Hoeneß als einzige Gäste im Bad Nauheimer Waldhaus eingeladen. Nach dem Kaffeetrinken sind wir mit dem Mannschaftsbus zum Waldstadion gefahren.«
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Sorry. Oder mit Beckenbauer zu sagen: »Jo mei. 64, 84, 94 oder fünf Millionen. Zahlen, was wollt’s denn immer mit Zahlen, ihr Zauberer.« Manche Leser meinen ja, ich schlampe  ab und zu extra, um mit den Lesern Ping-Pong zu spielen. Stimmt nicht! Aber hier ein besonders hübsches »Pong«: »Das Bayern-Spiel war nicht 1984, sondern 1994 in Bad Nauheim. Ich weiß es, weil ich als Balljunge an der Seite stehen durfte. Es ist mir deswegen immer in Erinnerung geblieben, weil Franz Beckenbauer mir einen riesen Anschiss erteilte, weil ich ihm an der Seitenlinie die Sicht versperrte.  Später im Spiel hat mich Lothar Matthäus noch ermahnt, ich solle ihm den Ball schneller zuwerfen. Da wusste ich, warum ich lieber Fan von Uwe Bindewald und der Eintracht bleibe.« (Hendrik Schaupp aus Ober-Mörlen).
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Noch drei kleine Meinungen. Das nächste Training bei Werder Bremen ist für Dienstag angesetzt. Will heißen: Freitag Lockerung, Samstag Spiel, Sonntag frei, Montag frei. Dienstag erstes Training nach vier Tagen. Drei Tage später der gleiche Trainingsrhythmus. Fußball bleibt eine Wundertüte, und andere Sportler schauen staunend hinein. / Mario Gomez.  Zuletzt habe ich  seine mediale Verwandlung vom Chancentod zur deutschen Sturmhoffnung bespöttelt und geunkt, genauso schnell ginge es in die andere Richtung. Und jetzt: Er ist schon da! Aber für mich bleibt er, jenseits der Ausschläge, trotz holpriger Hölzernheit ein rundum Guter.
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Die dritte: Ein rundum Guter wird es nie zum Fifa-, Uefa oder IOC-Präsidenten schaffen.   Der neue Uefa-Präsident heißt Aleksander Ceferin und kommt aus Slowenien. Den Namen habe ich nie zuvor gehört, er ist zuvor auch niemandem positiv oder negativ aufgefallen. Aber empfangen wird er sofort mit medialem Trommelfeuer: »Unkorrekter Lebenslauf? Falsche Verwendung von Verbandskrediten? Allianzen mit Moskau? Gegen den neuen Uefa-Boss gibt es bereits so viele Vorwürfe, dass die Fifa-Ethiker sich um ihn kümmern« (Süddeutsche Zeitung). Kaum im Amt, und schon mehr Dreck am Stecken als Al Capone?
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Semper aliquid  haeret, sagt der Lateiner uns Hessen (»Irschendwas bleibt immer hänge«). Wir können nur froh sein, nie als Nachfolger für die Bachs und Ceferins dieser Sportwelt in Frage zu kommen. Wir haben zwar nicht unbedingt Leichen im Keller, die von den medialen Spürhunden knurrend ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden könnten, aber auch in unserem Keller gibt es unangenehm müffelnde Ecken, in die nicht jeder Fremde seine Nase stecken sollte.
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Wie bitte? Ihr  Gewissens-Keller ist porentief rein? Ich verneige mich. Bitte kandidieren Sie, für welches Amt auch immer. Meine Stimme ist Ihnen sicher.

Baumhausbeichte - Novelle