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Michael Jungfleisch-Drecoll: Politik und Presse Hand in Hand?

Gestern las ich Ihre Rubrik Sport-Stammtisch vom 24. September, in der Sie an einer Stelle kurz auf das Flüchtlingsproblem eingehen. Wie bei den sportpolitischen Fragen kann ich Ihnen auch in diesem Punkt zustimmen.

In diesem Zusammenhang stellt sich mir eine Frage.

Seit einem guten Jahr frage ich mich, warum ich seit Beginn der Flüchtlingskrise im letzten Sommer ein so ungutes Gefühl mit mir herumtrage. Während ganz Deutschland im Frühsommer noch täglich über die Griechenlandkrise sprach, die Bedrohung der europäischen Gemeinschaft durch eine Staatspleite Griechenlands gar nicht intensiv genug dargestellt werden konnte, wurde dieses Hauptthema des Sommers ansatzlos durch die Jubelarien auf die Kanzlerin Merkel in Bezug auf die Flüchtlingskrise abgelöst.

Deutschland schien durch die Aufnahme der Flüchtlinge eine Art Spätsommermärchen zu erleben. Aber kein Sommermärchen wie in 2006, als die deutsche Bevölkerung das unerwartet erfolgreiche Abschneiden einer Fußballmannschaft bei schönem Wetter in angenehmer, friedlicher Stimmung feierte. Diese Jubelstimmung erschien mir von Beginn an als nicht echt, vielmehr als inszeniert. Angeblich wurde sie durch die Öffnung der Grenzen erzeugt, die uns Deutsche scheinbar auf einen Schlag auf den Platz eins der Humanitäts-Weltrangliste katapultierte.

Jubelnde Menschen beim Einfahren der Flüchtlingszüge zusammen mit einer fast ausnahmslos diese Vorgänge positiv kommentierenden deutschen Presse.

Auf dem Höhepunkt dieses historischen Ereignisses „hoppte“ ich gerade mit meiner Frau über drei Griechische Inseln und nach Beendigung unserer Reise hatte ich das Gefühl, in ein merkwürdig verändertes Deutschland zurückzukehren.

„Hurra“und „wie toll“ war in den Zeitungen zu lesen, die Stimmung in meinem Freundes- und Bekanntenkreis jedoch erschien mir völlig anders.

 

Ich begann, über die Argumente nachzudenken, die für die Aufnahme der Bürgerkriegsflüchtlinge zu sprechen schienen. Wie froh wir sein müssten, dass Syrer kämen, die in einigen Jahrzehnten unsere Rente erarbeiten würden. Schließlich seien wir mehr oder minder auf sie als Rentenbeitragszahler angewiesen. Von syrischen Herzchirurgen las ich, die unser Land bereichern würden, usw. usw.

Was wird von diesen Argumenten in einigen Jahren zu halten sein, fragte ich mich. Nämlich dann, wenn wir in der Realität angekommen sein werden.

Die Kanzlerin erklärte uns, die Aufnahme der Flüchtlinge sei eine Aufgabe, die vergleichbar mit der Wiedervereinigung sei, eine große, aber zu bewältigende Aufgabe, die wir schaffen würden.

Komisch dachte ich, natürlich müssen wir Menschen in der Not beistehen, die unsere Hilfe brauchen, aber muss es direkt ein Projekt werden, das so groß ist wie die Wiedervereinigung?

Wäre es da nicht einmal angebracht gewesen, den Bürger zu fragen, ob er dieses Projekt überhaupt anpacken will?

 

Umso stärker eine rosige Zukunft herbeigeredet wurde, umso stärker empfand ich persönlich mein eigenes Unbehagen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass uns Bürgern etwas „verkauft“ werden sollte, und zwar eine recht unbequeme Idee. Und dass in dieser Sache Politik und Presse Hand in Hand arbeiteten. Und umso länger ich nachdachte, umso klarer wurde mir, was passieren würde: massiver Zulauf bei den Rechten, riesige innenpolitische Probleme, außenpolitische Isolation.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass dies irgendwo in der Presselandschaft sachlich diskutiert und kommentiert wurde. Viel eher hatte ich den Eindruck, dass eine Spaltung der Gesellschaft in Pro-Flüchtlingsanhänger und reaktionäre Rechte, die aus der Not der Flüchtlinge politisches Kapital schlagen würden wollen, vorangetrieben wurde. Ich hatte das Gefühl, dass sich die „Leitmedien“ mit der Politik abgesprochen hatten, die Meinungsströme wie oben beschrieben zu kanalisieren.

 

Ich erlebte unsere Presselandschaft plötzlich anders als vorher. Ich erlebte die Berichterstattung nicht mehr – je nach politischer Couleur – als tendenziell, sondern als gleichgeschaltet. Ich empfand die Pro-Flüchtlings-Fraktion automatisch als gut und richtig, alle Zweifler an der Flüchtlingspolitik als böse und falsch dargestellt.

Kurz gesagt, ich hatte nicht mehr den Eindruck, dass über die Flüchtlingsströme angemessen kontrovers diskutiert wurde.

Ich begann, mir vorzustellen, wie die Herausgeber führender deutscher Zeitschriften miteinander darüber reden, wie man das Merkel-Projekt am besten an die deutsche Frau und den deutschen Mann bringen könnte.

Diese Vorstellung empfand ich als gruselig.

Mag man den Weg, den Frau Merkel geht, als anständig und honorig betrachten, würde ein solcher Zweck die Mittel heiligen?

Bisher kam mir die Pressefreiheit immer in anderen Ländern als bedroht vor. Heute scheinen wie hier in Deutschland leider ein ähnliches Problem zu haben.

 

Ich frage Sie als Mann vom Fach: ist mein Eindruck völlig falsch? (Michael Jungfleisch-Drecoll)

 

 

Unmöglich, die erbetene kurze Antwort auch kurz zu halten. Längere Erklärungsversuche von mir gab es schon in Blog/Kolumne.  Vieles,  fast alles in diesem Leserbrief kann ich unterschreiben. Keinesfalls aber gibt es die bewusste, verabredete Hand-in-Hand-Arbeit von Politik und Presse. Dass es manchem manchmal dennoch so scheint, ist aber nachvollziehbar. Warum, und warum die Presse daran nicht schuldlos ist, müsste ich in einem umfangreicheren Text darlegen. Ansatzweise habe ich es, wie gesagt, schon mehrmals versucht. Ich erinnere mich zum Beispiel an die aus ehrenhaften Gründen, aber instinktlos quasi politisch-medial unausgesprochen vereinbarte Veröffentlichungstaktik bezüglich der Flüchtlingscontainer in meinem Wohnort. Wen es interessiert, der möge bitte durch meine Online-Texte scrollen und dort fündig werden. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle