Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 24. September)

Haben die Bayern tatsächlich seit Utpher »Cosmos«-Zeiten nie mehr in Mittelhessen gespielt? »Ich glaube, die waren später aber noch mal im Waldstadion in Bad Nauheim zum Freundschaftsspiel gegen den FSV Frankfurt«, meint Alexander Kuhn aus Reichelsheim. Und hat recht. »Denn 1984 kam der FC Bayern mit Lothar Matthäus als Kapitän und Franz Beckenbauer als Trainer ins Waldstadion Das ›nie mehr‹ ist also nicht ganz korrekt, falls Bad Nauheim zu Mittelhessen gehört«, erinnert sich unser alter Kollege »mi«.
*
Mittelhessen hin oder her, wir halten fest: Der Franz war nach Utphe noch einmal in unserer Gegend. Und vor Utphe auch, weiß Knut-Werner Cherubim, unser, mit Verlaub, noch älterer Kollege. Der ehemalige Redaktionsleiter unserer Wetterauer Schwesterzeitung meldet sich von seiner Ruhestandsinsel »Malle« und erinnert an das inoffizielle Einweihungsspiel im umgebauten Bad Nauheimer Waldstadion (das offizielle gewann der VfL im Mai 1984 mit 3:1 gegen Viktoria Aschaffenburg). Zuvor spielte der Franz »mit der Bayern-A-Jugend gegen die A-Jugend des VfL Bad Nauheim – die Münchener siegten 13:1, und Beckenbauer schoss als Stürmer elf Tore. Ich hab’s selber erlebt.«
*
Letztes Wort zum »Kaiser«. »Unter der Dusche staunte er über Pele«, schrieb ich, und eine Leserin fragt lapidar: Warum? Wie’s der Zufall will, muss ich nicht herumdrucksen, sondern kann auf die aktuelle Ausgabe der »Zeit« verweisen, die das »legendäre Bild« aus dem Duschraum von Cosmos New York noch einmal sooo groß abdruckt.
*
»Der Turmbau zu Babel« … hat damit nichts zu tun, sondern mit der Frankfurter Eintracht, der die »Süddeutsche Zeitung« diese Schlagzeile widmet. 18 Nationen in einem Team, und dennoch startet die Eintracht verheißungsvoll in die neue Saison. Manch einer könnte das als Metapher für die Lage in Deutschland werten – seht her, wenn der Klub aus dem Hessenland so viele Kulturen integrieren kann, schaffen wir das schon lange! Um im Bild zu bleiben: Aber nur, wenn die Neuzugänge mitziehen, sich in die Mannschaft einfügen, alles für den Verein geben, und wenn keiner nur faul herumhängt, die anderen behindert, belästigt oder gar als »Schläfer« auf seinen Einsatz wartet. Von daher kann Kovac vorsichtig das sagen, was Merkel in spätem Realitätssinn nicht mehr sagen will: Wir schaffen das – vielleicht.
*
Die Flüchtlingsbeseelten hatten sich die Lage lange Zeit schön geredet und gerechnet. Ungefähr so, wie US-amerikanische Universitäten ihre Olympiabilanzen frisieren. Um im hart umkämpften Ranking der sportlich erfolgreichsten Unis besser abzuschneiden, führen sie im Medaillenspiegel alle ihre Uni-Athleten auf, die gewonnen haben. Alle. Also jedes Mitglied einer Staffel oder Mannschaft, sogar solche, die ihr Studium längst beendet haben. Eine wundersame Vermehrung, die leider bei syrischen Zahnärzten nicht funktioniert.
*
Diesmal kein Wort zum Doping? Nein, ich habe in letzter Zeit zu oft mein Wort gebrochen. Ich hatte einmal versprochen, mir die Höchststrafe zu verpassen, falls ich jemals wieder zu diesem Thema Stellung nehme. Was ich danach jedoch mehrmals getan habe. Barbara Tomsch aus Reichelsheim, die Leserin, die den Anlass für mein Gelübde geliefert hatte, warnt mich daher: »Nur mal so zur Erinnerung, lieber Glosssenschreiber: Wer über Doping spricht und schreibt, über dem schwebt noch immer das Damoklesschwert der Tätowierung.«
*
Bei der Wahl Doping oder Tattoo wähle ich … den Humor. Allerdings nicht den von »Charlie Hebdo«. Als von Donald Duck und dessen Eltern Carl Barks und Dr. Erika Fuchs geprägter, die »Pardon«-Beilage »Welt im Spiegel« (WimS) verschlingender und die Monty Pythons für Genies haltender Comics-Freund scheiterte ich jedesmal, wenn ich in »Charlie Hebdo« blätterte, dessen krachend-aggressiver Brachialhumor mir fremd blieb. Trotz der Mordanschläge und dem Mitgefühl für die Opfer konnte ich daher nie »Charlie« sein, wie die halbe Welt. Dass die Satirezeitung nun blutende italienische Erdbebenopfer als »Penne an Tomatensoße« karikiert oder einen Schutthaufen, aus dem Arme und Beine von Leichen ragen, als »Lasagne« bezeichnet, überfordert selbst mich als Freund schwärzesten Humors.
*
Humor ist eben manchmal, wenn man trotzdem nicht lacht. Und damit zurück zum Sport. Wussten Sie, dass die beiden wichtigsten und weitverbreitetsten Freizeitbeschäftigungen eine merkwürdige Gemeinsamkeit haben? Sex und Fußball sind absolut humorfreie Zonen. Jedenfalls während der hingebungsvollen Beschäftigung. Danach gibt es teils humorfrei böse, teils (seltener) ironisch-witzige Manöverkritik, aber mittendrin versteht niemand Spaß, allenfalls werden Versager aggressiv-verächtlich ausgelacht. Und danach sollte man tunlichst nicht die Frage stellen, die auch Kolumnenschreiber umtreibt, die sich aber ebenfalls auf die Zunge beißen sollten: Wie war ich …? AUA! (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle