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Montagsthemen (vom 19. September)

Darmstadt gegen Köln und Dortmund: Tasmania reloaded. Frankfurt gegen Schalke und Leverkusen: energiegeladener Kovac-Fußball. Dazwischen Darmstadt gegen Frankfurt eins zu null. Erklärt es mir bitte! Oder ist Fußball einfach nur eine Wundertüte?
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Früher, auf der Herbstkirmes, fanden wir in der Wundertüte mit etwas Glück tollen Waffelbruch, oft aber auch nur ekliges Gebrösel. Auch Beckenbauer ist solch eine Wundertüte. Unterschied: Was man darin findet, hat man gestern selbst hinein gesteckt, und wenn es heute nicht toll, sondern eklig schmeckt, ist das reine Geschmacksache. Oder: Die wahre Wundertüte steckt im Kopf des Konsumenten.
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Auch über das Wochenende arbeiteten sie sich an Beckenbauer ab. Selbst die edelsten Federn wie Michael Horeni (FAS) oder Holger Gertz (SZ) stimmen in den Chor der Angeekelten ein. Gertz’ Fazit aus den Fällen Blatter bis Beckenbauer: »2016 ist das Jahr, in dem die große Welt des Sports klein und schäbig wurde.« – Liewe Leut! Die große Funktionärs-Welt des Sports war schon immer klein und schäbig. Nur wer sich von den Schein-Werfern blenden ließ, sah nicht die sinistren Schattengestalten.
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Beckenbauer ist keine solche. Eher einer wie Jan Ullrich, nur geschmeidiger, nonchalanter. Aber ähnlich naiv und wurstig, sogar – mit Verlaub – unbedarft, was lästige Nebengeräusche angeht. Bei beiden das gleiche Motiv: Verbesserung des Handicaps gegen skrupellose Konkurrenten wie WM-Bewerber oder Armstrong.
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Auch ich arbeite mich an Beckenbauer ab. Dabei gehe ich mit der Zeit und dem Zeitungstrend, aktuelle Themen aus der großen, weiten Welt herunter zu brechen auf unsere lokale Ebene. Also von Beckenbauer auf »Cosmos« Utphe. Hätten Sie gedacht, dass sogar Beckenbauer einmal in Utphe gespielt hätte, wäre er nicht vorher zum Cosmos-Original nach New York gegangen? Ich hatte es vergessen, aber ein damals blutjunger Reporter erinnert sich und mich: »Denn der Oppermann hat seinerzeit die Bayern Sonntag morgens um 11 Uhr für viel Geld in Utphe antreten lassen, mit Sepp Maier und allen seinerzeitigen Größen. Seitdem haben die Bayern übrigens nie mehr hier in Mittelhessen gespielt, weil hier niemand mehr soviel Geld dafür in die Hand genommen hat.« Der blutjunge Reporter von einst heißt Ralf Waldschmidt und ist heute Sportchef dieser Zeitung.
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Abrupter Themawechsel. Paralympics. Bewundernswerte Sportler, denen der Sport hilft, ihr meist schweres Schicksal zu meistern. Da scheuen Außenstehende zurück, Kritisches anzumerken. Paralympics-Athleten sind eher bereit, Miss- und Schiefstände zu benennen, allerdings nur so, wie Fußballer auf dem Platz reden: hinter vorgehaltener Hand. Nur ein Beispiel: In keinem ernst zu nehmenden Leistungssport wäre es möglich, dass ein Athlet der Weltspitze 39 Jahre lang aktiv ist und dabei in den unterschiedlichsten Sportarten und Disziplinen 61 höchstkarätige Medaillen sammelt. Der Paralympics-Sport muss auf sich aufpassen. Hilfe von außen kommt nicht, wegen Befangenheit und Angst vor schriller Resonanz.
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Und sonst? Öffentlich-rechtlich sollte vom Plural in den Singular gesetzt werden. Meint Seehofer. Meine ich auch, nicht nur wegen der Preistreiberei um Fußballrechte, die nichts mit dem Grundversorgungs-Anspruch zu tun hat. Also Fusion von ARD und ZDF? Das Zweite ist ja sowieso nur entstanden, weil Adenauer ein CDU-Gegengewicht zur vermeintlichen SPD-ARD gründen wollte. Ein einziger öffentlich-rechtlicher Sender mit echter Grundversorgung, ohne Fantastillionen für Sport-Liverechte, aber Anspruch auf kostenfreie Kurzberichte – das würde mein neuer Lieblingssender. Natürlich mit Top-Ablegern wie Arte oder 3Sat.
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Aber nach mir und Seehofer geht es ja nicht. Bei mir zum Glück, bei Seehofer … wie Ihr wollt. Ich würde zum Beispiel eine noch viel größere Fusion voran treiben: die vielen (wie viele eigentlich? Ich habe den Überblick verloren) nationalen in eine Europa-Armee zu integrieren. Aber das ist wohl ebenso naiv wie meine ignorante Interesselosigkeit an TTIP (was ist das? Ein neuer Wettanbieter?) und Ceta (was habt Ihr bloß gegen die Frau von Michael Douglas?).
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Die wirklich wichtige Frage für mich am Schluss: Wann kommen die Bayern in Bestbesetzung nach Watzenborn? (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle