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Sport-Stammtisch (vom 17. September)

Ehrlos statt Ehrenamt. Finsterling statt »Lichtgestalt«. Jetzt stoßen sie den »Kaiser« vom Thron, auf den sie ihn selbst gehievt hatten. Mit welcher Lust sie ihn in den Senkel stellen! Aber wenn die mediale Meute bellt und beißt, trotzt ihr mein Schutzinstinkt und versucht, Beckenbauer in den wahren Senkel zu stellen. Denn die Redensart kommt vom Senkblei, dem Lot, und ins rechte Lot gerückt, sah ich diesen Mann weder früher als Lichtgestalt (er sich übrigens auch nicht) noch heute als Finsterling.
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Das »Sommermärchen« war mir schon immer suspekt, aber nicht, weil es die üblichen Vorteilsannahmen und Bestechungen bei der Bewerbung gegeben hat, sondern wegen des kollektiven deutschen Besoffenseins von der eigenen weltoffenen Großartigkeit. Aber wer sich am »Sommermärchen« berauscht hat, muss Beckenbauer ewig dankbar sein. Was er mit seinem Einsatz und seiner Persönlichkeit geschafft und geschaffen hat, ist ein Vielfaches von dem wert, was er dafür bekommen haben soll. Die Summe, die im Raum steht (5,5 Millionen), wurde als Werbehonorar für Oddset deklariert, und ob man das glauben mag oder nicht, beweist sie nur, dass Beckenbauer in der Tat ehrenamtlich tätig war – entweder für den DFB oder für den Wettanbieter. Logisch, oder?
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Juristisch von Belang? Wohl kaum. Moralisch? Kommt darauf an, welche Moral man vertritt. Die der Pharisäer geht gnadenlos mit anderen um und gnädig mit sich selbst. Sie verhängt die Höchststrafe für Beckenbauer: Verachtung. Und fühlt sich sauwohl dabei. Leider wird die Moral der Pharisäer immer mehrheitsfähiger, wie andere unangenehme Begleiterscheinungen unserer Zeit auch. Aber das ist ein anderes Thema.
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Meine Moral ist wohl nicht mehrheitsfähig. Für sie stinkt es zum Himmel, dass sich ein Wettanbieter überhaupt in den Kreis der größten WM-Förderer einkaufen durfte. Mittlerweile geht im Fußball gar nichts mehr ohne die großen Bankhalter des weltweiten Zocker-Milieus. Aber auch das ist ein anderes Thema und meine Moral dazu weltfremd. Fremd in dieser Welt.
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Immer wieder Beckenbauer. Indirekt war er sogar Namensgeber für den TSV »Cosmos« Utphe, an den ich kürzlich erinnert habe. Sehr zum Ergötzen vieler Leser, wie die Reaktionen vermuten lassen. Sogar aus München, wo Hans-Otto Schäfer heute lebt: »Da ich selbst drei Jahre in der Landesliga beim TSV Utphe spielte, kann ich den Spruch von Schorsch Oppermann hinsichtlich der Jungfrauen in Utphe bestätigen. Trotz weiterer Stationen beim FSV Steinbach und beim VfB Gießen waren die drei Jahre in Utphe von hohem Unterhaltungswert geprägt.«
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Aber was hat Beckenbauer mit »Cosmos« Utphe zu tun? Wäre der »Kaiser« damals nicht zu dem New Yorker Klub gegangen, der alternde Weltstars zusammenkaufte, wäre »Cosmos« in Deutschland nicht der synonyme Begriff für das geworden, was auch dem TSV Utphe seinen frotzeligen Beinamen gab – und was heute das gängige Geschäftsmodell im Profi-Fußball ist. Vorreiter Utphe! Fände der Klub heutzutage einen neuen Schorsch Oppermann, bekäme er nicht den Spitznamen »Cosmos«, sondern »ManU« oder »ManCity«.
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Mit Beckenbauer, Oddset und der Pharisäer-Moral könnte ich bei manchem Leser anecken. Tut mir leid. Ehrlich. Aber wenn schon, denn schon. Noch so ein Thema, bei dem es Haue geben könnte: Die russischen Hacker, die öffentlich gemacht haben, dass prominente Sportler dank Ausnahmegenehmigung Medikamente einnehmen dürfen, die auf der Dopingliste stehen, gelten als Kriminelle. Aber was ist der Unterschied zu einem Whistleblower, einem »Helden« wie Edward Snowden, dem jetzt sogar ein filmisches Denkmal gesetzt wird?
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In aller Unbescheidenheit: In Sachen Doping benötigen unsere Leser keine Whistleblower, sie haben ja mich und mein Mantra: Nicht alle dopen nach den Buchstaben der Doping-Regeln, aber fast alle nach den Moral-Regeln des idealistischen Sportzuschauers. Und wenn alle Ausnahmegenehmigungen geoutet sind, angefangen bei der Asthma-Epidemie im Spitzensport, fragt sich der naive Sportfreund bang und mitleidig, warum alle diese Schwerkranken nicht zu Hause im Bett liegen, statt im Stadion Goldmedaillen zu gewinnen.
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Beckenbauer zum Letzten: Nach New York ging er nicht des Geldes wegen, natürlich nicht, sondern um eine neue Längwitsch zu lörnen, neue Erfahrungen zu sammeln und seinen Horizont zu erweitern. Unter der Dusche staunte er über Pele, in angesagten Klubs über den Weltstar Rudolf Nurejew, der sich sehr für ihn interessierte, bis der Franz merkte, dass die Hasenpfote in der Hose des Tänzers gar keine war. So viele neue Horizonte! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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