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Sonntag, 11. September, 6.30 Uhr Uhr

Beim Schreiben des Datums tauchen im schlaftrunkenen Kopf Bilder von Kreta auf und die Worte des Alten: ”Pyrgos, Pyrgos.” Wir war das noch mal? Ich habe irgendwann darüber geschrieben. Ich klicke ins Archiv und mich 15 Jahre zurück …

Am Tag bevor ich in Knossos die Stierspringer suchen will, mache ich mich auf den Weg zum Strand von Makrigialos. Am Mini-Supermarkt zieht Michalis’ Vater mich am T-Shirt in den Laden meiner mir lieben, aber auch sehr teuren Gastfamilie. Der alte Mann deutet auf einen kleinen Fernseher über der Kasse, auf dem Bilder und griechische Schriftzeichen flimmern. »Pyrgos, pyrgos«, sagt er, deutet auf den Bildschirm und schüttelt bedächtig den Kopf. Ich sehe viel Rauch, höre Schreie, als ein wahrer Turm (= pyrgos) von Wolkenkratzer zusammenbricht. Es ist der 11. September 2001, Nachmittag griechischer Zeit, Vormittag in New York. Ich sehe einen Turm des World Trade Centers zusammenbrechen – und empfinde nichts, ahne nicht, dass ich gerade via TV Zeuge des Terroranschlags bin, der die Welt verändern wird. Ich denke gar nichts, murmele »ah, pyrgos, kala« (= gut) – und gehe zum Strand.  Erst durch den abendlichen Anruf zu Hause erfahre ich von dem Schrecklichen. Es klingt nach Science-Fiction-Schocker, unwirklich, nicht in Worte zu fassen. Es treibt mich hinaus, die zwecks Serien-Stoffsammlung selbst gewählte Isolation zu durchbrechen, hin zur Tavernen-Zeile am Hafen von Makrigialos. Ich erwarte aufgeregte, fassungslose Einheimische und Touristen, zusammengeballt vor den in jeder Kneipe ununterbrochen laufenden Fernsehern. So ist es auch. Aber was schauen sie sich an? Fußball, Champions League, Panathinaikos Athen gegen Schalke 04. Am nächsten Tag werden griechische Zeitungen das im Triumph verzerrte Gesicht eines jubelnden Torschützen in Großaufnahme zeigen.  Für die Kreter nimmt das Leben seinen gewohnten Gang, und die Touristen lassen sich den Urlaub nicht verderben. Hier, am kargen, heißen Südostzipfel Kretas, werden andere Prioritäten gesetzt. Warum habe ich vor dem Fernseher nicht sofort erfasst, was geschah? Weil mein Gehirn es nicht als Wahrheit, sondern Fiction einordnete, als griechischen Fernsehfilm, für mich so irrelevant, dass die Bilder im Kopf nur am Rande registriert, aber nicht bewertet wurden? Entsprach meine Nicht-Reaktion jenem Experiment mit Eingeborenen im Dschungel, die erstmals einen Fernseher sahen – aber nicht den Film, der ihnen gezeigt wurde? Sie sahen nur das Ding an sich, das wahr war, aber nicht das, was es zeigte, weil das nicht wahr sein konnte.

So weit der Text aus der Serie “Von Olympia nach Athen” vom 12. Dezember 2001. Aber jetzt muss ich die Erinnerung abschütteln und an die Montagsthemen denken. Ob ich über das heikle Thema schreiben soll, das mir wieder mal im Kopf herumspukt? Paralympics und Frauensport, die kaum zu überschauenden Schadensklassen, Lisa Mayer und Caster Semenya, und wenn ich noch das Stichwort “Schadensklasse 100 Prozent = Vollfrau” notiere, weiß ich: Nein, ich will mich nicht um Kopf und Kragen schreiben. Falls ich das Thema aufnehme, dann gaaanz vorsichtig und ohne die letzte Konsequenz. Alter Feigling.

Frauen: Deutschland ist fest in Frauenhand, was mich als Anhänger des Matriarchats nicht stört. Ich bin es ja selbst und fühle mich wohl dabei. Aber merkwürdig, dass noch niemand thematisiert hat, warum die Bundeskanzlerin noch Bundeskanzlerin ist. Wäre “Bild”, das Organ der schweigenden und der schreienden Mehrheit, nicht von Beginn an auf Merkels Flüchtlingskurs, hätte sie es nicht so lange durchhalten können. Und warum ist “Bild” …? Deutschland fest in Frauenhand. Warum auch nicht? Männer schließen Anden-Pakte, und nur einer kommt durch und hält durch, als weichgespülter Ex-harter Knochen. Frauen schließen Pakte, von denen Männer gar nichts merken.

Echte Montagsthemen: Olympische Medaillen, Zählung an US-Unis und was ich gut daran finde / die Gemeinsamkeit von Ancelotti und Ferguson / Utphe und RB Leipzig / Leipzig-Stichworte: Und es stimmt, Red Bull verleiht Übel; Dortmund hat die Dose voll (aus 11Freunde-Liveticker); Miniaturkopie der Arbeitswelt; Dortmund  an der Börse, München Prestigeobjekt von Großkonzernen, Bayer ist Bayer, Wolfsburg ist VW; logische Entwicklung/End-Wicklung der Fußballwelt / vielleicht noch: Willensfreiheit.

Alles noch wirr auf Zettel und im Kopf. Nach KKKK wird sich das Wirre ordnen. Hoffentlich. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle