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Sport-Stammtisch (vom 10. September)

Die erstaunlichste Verwandlung seit Gregor Samsa. Vor drei Jahren verließ Mario Gomez die Bundesliga, als großer Verstolperer verlacht, verhöhnt, verspottet, und als Zugabe bei Länderspielen gnadenlos ausgepfiffen. Heute um 15.30 Uhr kehrt er als strahlender Held zurück, als einzige deutsche Hoffnung für das verspielt-harmlose Nationalstürmchen. Dort, wo sich zu viele feine Füßchen verzwirbeln, muss ein athletischer Vollstrecker den finalen Schuss abgeben, heißt es auf einmal, und dafür gibt es in Deutschland »nur Mario Gomez« (Thomas Müller).
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Der Vergleich mit Samsa stellt Kafka natürlich auf den Kopf, dessen berühmter erster Satz der »Verwandlung« eine der recht unangenehmen Art beschreibt: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.« Gomez’ Verwandlung ist dagegen eine erfreuliche und erfasst nicht seinen Körper, sondern die Köpfe der Fußball-Fans. Singen sie bald auf den Rängen den Rudi-Völler-Song? Es gibt nur ein’ Mario Gomez? Der aber weiß als kluger, nachdenklicher Mensch und aus leidsamer Erfahrung, dass in der neuen deutschen Fußballgeschichte stets die Rückverwandlung droht, und dann wird Kafkas erster Satz umgeschrieben: »Als Mario Gomez eines Morgens aus schönsten Träumen erwachte, fand er sich zum ungeheueren Fußball-Ungeziefer verwandelt.«
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Gomez schlägt heute also in Wolfsburg auf, Angelique Kerber ein paar Stunden später (22 Uhr MESZ) in New York. Ihr Aufschlag ist auch meiner, wie ich auch oft ein Buch oder eine Zeitung aufschlage, sehr selten ein Zelt und, toi, toi, toi, schon lange nicht mehr nach einem Sturz mit dem Rad auf dem Asphalt. Aber immer mehr bemüht-trendige Wortnachplapperer schlagen heute auf, wenn sie irgendwo auftauchen.
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Ich plappere keine Modewörter nach, paperlapappe aber oft genug unfreiwilligen Wort-Stuss. Daher zucke ich immer zusammen, wenn eine Lesermail mit freundlichen Worten beginnt wie diese von Herbert E. Schmitt aus Bad Nauheim: »Ich lese Ihre Kolumnen immer mit sehr viel Vergnügen und bewundere das Niveau und häufig den Doppelsinn.« Aber dann kommt’s wie so oft: »Sie erwähnten, dass Sie sich mit Wick ›gedopt‹ haben, und das würde erklären, wieso ich plötzlich gestutzt habe. Sie schrieben ›Krabbelkiste mit Billigangeboten‹, und ich frage mich, ist da jetzt der Grabbeltisch oder die Krabbelstube gemeint.«
Tja. Aufgeschlagen. Platsch. Obwohl ich mit der »Krabbelkiste« vielleicht sogar ein hübscheres Wort für die lapidare »Kiste« gefunden habe, in die man mit dem jeweils bevorzugten Geschlecht steigt.
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Ganz anderes Thema. Paralympics. Eine große deutsche Favoritin ist nicht am Start. Wieder einmal verletzt. Ilke Wyludda, Diskus-Olympiasiegerin 1996, war schon als unbehinderte Athletin eine »Schmerzensfrau der Leichtathletik« (FAS). Ihre spätere Leidensgeschichte (Bein-Amputation) ist bekannt. Aber nicht viele wissen, dass sie als 18-Jährige den Diskus in einer internen DDR-Qualifikation auf heute irreal erscheinende 75,36 m (als Zweite hinter Martina Hellmann, 78,14!!!) geschleudert hat. Bei einer Doping-Kontrolle gab sie einmal die gleichzeitige Einnahme von 63 Medikamenten an – allesamt medizinisch »angezeigt«, also erlaubt. Auch ihre scheinbar symbiotische Abhängigkeit von einer Betreuerin verstörte ein wenig, ebenso die Gesprächstherapie während des Wettkampfs mit ihrem Teddybär. Heute sagt sie: »Ich weiß, dass ich nicht gedopt habe.« Eine bemerkenswerte Frau. Mittlerweile arbeitet sie als Ärztin. Sie könnte uns noch viel erzählen.
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Jerome Boateng könnte nicht, er kann. Der Nationalspieler erhielt für sein soziales Engagement den Moses-Mendelssohn-Preis und sagte bei seiner Dankesrede Kluges über Ausgrenzung, Aufklärung und Engagement. Er wisse aus eigener Erfahrung, was für Kinder am schlimmsten sei: »Dass man, wenn man anders ist als die anderen, ausgelacht wird von anderen Kindern.«
Schuld daran sind nicht diese Kinder, sondern deren erwachsene Bezugspersonen. Die sollten sich merken: Jeder ist anders als andere. Und wer es nicht ist, ist kein Herr Mustermann, sondern ein armes Schwein. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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