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Verpasste Gelegenheiten (“35 – 25 – 15 – 5″ vom 8. September)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren: Kleine Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides.

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Der Immobilienmakler Georg Oppermann hat dem TSV Utphe eine teure Truppe zusammengekauft, die zwischen 1979 und 1984 von der A-Klasse bis in die Landesliga aufsteigt und schon bald als »Cosmos Utphe« berühmt-berüchtigt wird. Als Oppermann ein »Sport-Stammtisch«-Beitrag nicht gefällt, meldet er sich erbost schriftlich zu Wort: »Ich komme gerade von unserem Stammtisch und habe zehn Bier getrunken. Deshalb verstehe ich Deinen Artikel so gut und kann Dir auch ein wenig provozierend antworten: Hattest Du etwa auch zehn Bier getrunken?« Die herrliche Tirade des »geladenen« Mäzens, der mich dennoch zu seinem Utpher Stammtisch einlädt, drucke ich natürlich in voller Länge ab. Der Inhalt ist damals sehr, aber heute weniger interessant. Nur dieser Satz Oppermanns erfreut immer noch jedes nicht gendergezähmte Männerherz: »Warum es wohl gute Spieler von auswärts nach Utphe ziehen könnte, wollte ich noch sagen – scheinbar weiß man es noch nicht. Bei uns gibt es noch viele Jungfrauen! Und bei uns wird nicht nur feste Fußball gespielt, sondern auch feste gefeiert.« Die Utpher »Cosmos«-Herrlichkeit findet bald ein Ende, bleibt aber unvergessen. (Zitate vom 22. April 1981)

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»Aus dem Hintergrund des Sports« ist eine Rubrik, in der wir in den frühen Achtzigern aktuelle Themen und Schlagworte hinterfragen. Wie am 7. September 1991 den »neuen Ruf nach dem alten DDR-Sportsystem«. Am lautesten ruft Emil Beck, der legendäre Medaillen-Produzent aus Tauberbischofsheim, der sich damals Hoffnungen macht, gesamtdeutscher Sportminister zu werden. »›Der neue Ruf nach dem alten DDR-Sportsystem‹ schallte bis nach Tauberbischofsheim. Der in dem Artikel zitierte (›Das DDR-System war das perfekteste der Welt‹) und kritisierte (gw: ›vom Glanz der Medaillen geblendet‹) Emil Beck ließ uns seine Missbilligung übermitteln, gleichzeitig aber auch eine Einladung ins Olympia-Leistungszentrum nach Tauberbischofsheim, um ihn selbst und seine Methoden besser kennenzulernen.« (7. 10. 91).

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Erinnern Sie sich an Carsten Jancker, den kantigen Fußball-Nationalstürmer, der vor 15 Jahren auch wegen seines Äußeren als rechtslastig gilt? Dagegen wehrt er sich im ZDF-Sportstudio. Im »Anstoß notiere ich: »So aggressiv-glatzig, wie er aussieht, wäre er eine ideale Galionsfigur für Anti-Neonazi-Aktionen. Ein Jancker könnte mehr bewirken als jedes betroffen genuschelte Lied von Udo Lindenberg, jedes geschmeidige Wort von Michel Friedman, überhaupt mehr als jede Gutmensch-Demo von multikulturellen Sozialromantikern, die immer nur die eigene Klientel erreichen, aber bei denen, die vielleicht noch von rechts außen zurückbeeinflusst werden könnten (und nicht nur bei denen) Abwehr- und Trotzmechanismen auslösen. Wenn Jancker seine Ankündigung wahr macht, hat er kein Brett vor dem Glatzkopf, sondern bei uns einen Stein im Brett. (5. März 2001)

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Nachschlag: »Carsten Jancker hat uns endgültig überzeugt – nein, noch nicht ganz als Stürmer, sondern: dass er nur äußerlich den rechtsradikalen Glatzen ähnelt. Seine beiden kleinen Töchter heißen Laura-Larissa und Naomi-Noelle – das ist ja fast eine Kampfansage an ›toitsche‹ Neonazis.« (31. März 2001)

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Am 9. März 2011 schreibe ich gerade einen  »Anstoß« über Bayern München und seinen in diesen Tagen heftig umstrittenen Trainer Louis van Gaal, als das Telefon klingelt. Ich arbeite den Anruf »live« in die Kolumne ein: »Mittwoch, 12.30 Uhr. Er wird es bestätigen können, dass diese Kolumne in Echtzeit geschrieben wird: Am Apparat ist Michael Beltz, Bruder unseres unvergessenen Matthias Beltz und bekennender Kommunist, interessierter Leser unserer Kolumne, obwohl ›ich weiß, dass Sie bekennender Antikommunist sind‹. Beltz kritisiert den Ausdruck ›Schlaudraff-System‹ in den letzten ›Montagsthemen‹, denn diese Bayern-Methode habe bereits 1980 mit einem anderen Aachener begonnen, Calle Del’Haye (damals von Gladbach zu den Bayern). Außerdem bietet Michael Beltz an, mir von ihm persönlich beglaubigte Stasi-Unterlagen zukommen zu lassen, aus denen hervorgeht, dass van Gaal ein IM sei, angesetzt auf den großkapitalistischen Klub, um ihn endgültig zu zerstören. (10.März 2011)

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Die Einladungen von Georg Oppermann und Emil Beck habe ich leider ungenutzt verstreichen lassen, was ich mittlerweile bedauere. Carsten Jancker, heute Co-Trainer bei Rapid Wien, ist leider nie als Galionsfigur gegen Neonazis aufgefallen. Und Michael Beltz hat, wie ich als Antikommunist weiß, die Stasi-Beweise gegen van Gaal eigenhändig vernichtet. (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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