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Montagsthemen (vom 5. September)

Wenn Hertha gespielt hätte, wäre diese Kulisse ein Zuschauer-Desaster gewesen. Die Leichtathleten freuten sich aber beim ISTAF in Berlin über halb leere Ränge, denn dadurch waren sie immerhin auch halb voll. Dazu die Live-Übertragung im Ersten – fast wie in alten Zeiten. Balsam auf Wunden. Allerdings: Balsam geht, Wunde bleibt. Klickt man im Internet diverse Info-Anbieter an, bietet sich immer das gleiche Bild. Unter »Sport« hat man die Wahl zwischen Fußball, Fußball und Fußball, international und national, dann kommen Formel 1, Tennis … und nichts mehr.
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Moment! Stimmt das überhaupt? Stichproben, die erste bei Bild online. Sport-Rubriken dort: Sieben Mal Fußball, von Champions League bis Liga drei, plus Formel 1, Boxen, Tennis, Basketball, Eishockey, Handball und, nun ja, Pokern und Wrestling. Aber auch hier ist das Sport-Glas je nach Gusto halb leer oder halb voll, denn: Immerhin Basketball, Eishockey und, ha!, Handball. Den »Bad Boys« sei Dank.
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Gegenprobe bei den »Seriösen«: Fußball-Transfers – Bundesliga – 2. Liga – Formel 1 – DFB-Pokal – Champions League – Wintersport (Süddeutsche Zeitung) und Fußball – Formel 1 – US Open – Sportpolitik (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Die FAZ bietet am Schluss wenigstens noch eine weitere Rubrik an. »Mehr Sport« heißt sie. Krabbelkiste mit Billigangeboten.
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Natürlich geht einem alten Sportler das Herz auf, wenn er Lisa Mayer rennen sieht. Wundervoll schwebender Stil, frisch und natürlich, klug und sympathisch, mit 20 schon an die Tür zur Weltklasse klopfend, und das im Sprint, der Kerndisziplin – so etwas hat die mittelhessische Sportwelt lange nicht mehr gesehen. Lange? Ach was. Noch nie. Aber die Lisas der Leichtathletik haben übermächtige Gegner. Was unterscheidet die oben genannten Sportarten von der Leichtathletik? Keine Doping-Schlagzeilen! Nicht, dass es sie nicht gäbe. Sie passen aber nicht ins Kalkül. Spanien ist überall, nur nicht in der Leichtathletik.
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Die anderen Gegner heißen … nein, keine Namen. Zu unfair. Sie können nichts dafür. Aber es ist ja nicht nur die eine, über die jetzt wieder alle reden. Die Leichtathletik bekommt das Problem nicht in den Griff, obwohl es seit langem bekannt ist (wer erinnert sich an die »Press-Brothers«?). Andere Sportarten kennen das Problem ebenfalls. Nur spielt es dort keine mediale Rolle. Siehe oben.
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Sportlich ist dieses Problem nicht lösbar, es sei denn, eines der beiden Extreme setzt sich durch: Aufteilung in -zig gendermaingestreamte Klassen, quasi Schadensklassen wie bei den Paralympics (bei Facebook kann man sich schon zwischen 60 Geschlechtszugehörigkeiten entscheiden) – oder aber mein rein polemisch gemeintes »Kontra« vor vielen Jahren, das »bizarre Getto Frauensport« aufzulösen. Mach- und denkbar ist nichts davon, und so müssen die Lisas der Leichtathletik weiter gegen die … keine Namen.
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Aber es sind nicht nur die Chomosomen. Angeblich gibt es ein »Sportgen«, das »SRY« auf dem Y-Chromosom, das für körperliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen verantwortlich ist und für männliche Vorteile im Sport sorgt (Quelle: Zeit-Wissen). Dazu noch die Laune der Natur, die ein federleichtes Mädchen geschaffen hat, und die ostafrikanische Höhenluft, und schon läuft eine 17-jährige Kenianerin Zeiten, die für die ganz und gar großartige Gesa Felicitas Krause unerreichbar bleiben werden.
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Kenia. Das Land und seine Flagge spielen auch in der Politik eine Rolle. Pessimisten meinen: als letztes Rückzugsgefecht der etablierten Parteien gegen den Zangenangriff der Dumpfbacken. Aber das ist ein anderes Thema. Eher in eine Sportkolumne gehört das Bekenntnis, dass sie mit Dopinghilfe geschrieben wurde. Wick MediNait, Erkältungssirup für die Nacht, steht groß und breit auf der Dopingliste, aber die kümmert mich heute nicht. Sonst wäre dieser Text komplett im Erikativ geblieben. Der ist nach Dr. Erika Fuchs benannt, der genialen Donald-Duck-Übersetzerin, und kennzeichnet im linguistischen Fachjargon die Verkürzung von Stammverben. Schnief! Keuch! Hust! Krächz!
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Wär ja schade, daher Wick (ob ich Provision bekomme?), denn ich wollte unbedingt gegen den Online-Strom der Zeit eine fußballfreie Kolumne schreiben. Zugegeben: Dass das Länderspiel erst nach meinem Redaktionsschluss angepfiffen wurde, mag eine Rolle gespielt haben. Egal, ob eine klitzekleine oder klotzegroße, das Kolumnenglas ist jetzt jedenfalls voll. (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle