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Sport-Stammtisch (vom 3. September)

Mario Götze hat auch mitgespielt. Ganz gut sogar und so lange wie kaum ein anderer. Joachim Löws Wiederaufrichtungsprogramm für geknickte Pflänzchen. »Ganz gut« ist allerdings ein vernichtendes Urteil für solch ein Jahrhunderttalent. Für den Knack- und Knickpunkt waren aber nicht die Münchner Bayern oder speziell Pep Guardiola verantwortlich. Götze begann schon in der Dortmunder Endphase zu schwächeln, als seine unnachahmlichen Bewegungen, seine »moves«, nicht mehr instinktiv wirkten, sondern bewusst.
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Kennen Sie das? Sie schlendern an einem Basketball-Freiluftplatz vorbei, der Ball rollt auf Sie zu, Sie bücken sich, nehmen ihn auf, übermütig setzen Sie zum Sprungwurf an, der Ball fliegt und fliegt – und sirrrt nahtlos durch die Reuse. Swish! Die Jungs applaudieren, laden zum Mitspielen ein, aber Sie lehnen dankend ab. Sie wissen genau: Was eben bedenkenlos einfach passiert ist, wird nicht mehr gelingen, denn jetzt stehen Sie unter Beobachtung.
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Und so spielt Mario Götze Fußball: Nicht mehr instinktiv, sondern als sei er der Beobachtung allzu gewiss. Dieses Bewusstsein kostet bei jeder Aktion ein, zwei Hundertstel und schickt störende Strömungshemmungen in die zuvor so fließende Bewegung. Nur manchmal fließt sie noch ungehemmt. Wie beim WM-Tor.
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Sucht man in anderen Sportarten nach einem ebenso begabten Talent mit ähnlicher sportlicher Entwicklung, stößt man vor allen anderen auf den Kugelstoßer David Storl. Er galt schon früh als einmaliges Phänomen, gewann als 21-Jähriger den WM-Titel – und stagnierte danach. Mittlerweile stagniert er nicht mehr, sondern seine Leistung fällt und fällt. Am Donnerstag, beim berühmten Meeting im Züricher Letzigrund, kam er als Neunter gerade noch ein paar wenige Zentimeterchen über 20 Meter.
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Bei Storl scheint eine andere Bremse zu wirken als bei Götze. Sein überbordendes Talent wurde eingebettet in das deutsche Rundum-Sorglos-Paket der Leistungsförderung. Das winkt zwar nicht mit Millionen-Prämien (zum Glück! Aber das ist ein anderes Thema), gewährt einem Mega-Talent wie Storl aber Bewegungsfreiheit und Muße in einem sorgenfreien Trainings-Alltags-Einerlei. Schon vor drei Jahren erwähnte ich an dieser Stelle das besorgte Munkeln von Insidern über Storls Einstellung. Als ich dann kurz vor Rio las, dass er auf den angesagten neuen Fetisch »neuronales Athletiktraining« und »qualitativ gute Stöße ohne Schmerzen« setzte, »anstatt in der ›Folterkammer‹ noch mehr Gewichte aufzulegen«, weil er da »ohnehin nicht mit der stärkeren Konkurrenz mithalten will und kann« (so die FAZ durchaus zustimmend), ahnte ich das kommende Desaster. Dieser Weg sollte ein zu leichter sein.
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In Zürich gewann Tom Walsh. Nie als Supertalent aufgefallen, aber Jahr für Jahr kontinuierlich verbessert. Jetzt stieß er mit 22,20 m Ozeanienrekord. Walsh passt so gar nicht in das Schema der  Quasi-Professionalisierung in Talentschmieden, er arbeitet heute noch zwischen den Wettkampfphasen in einem Vollzeitjob als Builder, was nicht Bodybuilder bedeutet, sondern Bauarbeiter. Walshs sportliches Leitmotiv: Er möchte kein »blip in the ocean« sein, kein kurzzeitiges Phänomen.
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Die Beispiele Götze und Storl sind nicht willkürlich gewählt, sondern typisch für deutsche Sportverhältnisse inklusive Medien und Fans. Glaube ich. Denn fehlen darf in dieser Betrachtung nicht die Relativierung: Es ist nur meine Meinung, ohne Anspruch auf Rechthaben. Niemand wäre froher als ich, wenn Löws Wiederaufrichtungsprogramm funktionierte und Storl ebenfalls wieder die Kurve kriegte. Denn hier schreibt ein Fan von beiden.
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Ach so, ja, da wäre noch Franz Beckenbauer. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wenn ich dem »Kaiser« jemals etwas geglaubt habe, dann seine Wurschtigkeit, sich nicht um lästige und ihn überfordernde Nebengeräusche zu kümmern wie diese 6,7-Millionen-Peanuts. Die ominösen 6,7 Millionen sollten eine WM-Eröffnungsgala vor dem »Sommermärchen« finanzieren, flossen aber in der Welt hin und her. Auf mich wirken sie nur wie ein Köder, der uns hingeworfen wird, um von den wahren Beutezügen im Weltsport abzulenken. Dazu nur eine Frage von vielen: Werden wir irgendwann erfahren, was in Sachen Hoeneß/Dreyfus/Adidas wirklich gelaufen ist?
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Sicher nicht. Den einzigen, der aufklären könnte, hat der HR schon 1970 in Rente geschickt. Wenn er im Radio von seinen gelösten Fällen berichtete, begann die beliebte Hörspielreihe stets mit dem Intro: »Wer war’s? Wie geschah’s? Was war los? Das Wort hat Kriminalrat Obermoos.« Hier hatte heute nicht Obermoos, sondern ich das Wort, daher geht jetzt der Vorhang zu, und alle Fragen bleiben offen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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