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Montagsthemen (vom 29. August)

Angeblich gibt es ja nur Bayern-Fans und Bayern-Feinde. Die einen vornehmlich in München, die anderen hauptsächlich überall drum herum. Eine etwas klägliche Dialektik. Aber, um im Jargon zu bleiben: Die dialektischen Gegensätze können im Diskurs aufgehoben werden. Kurz gesagt: Onkel Otto!
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Was hat ausgerechnet das gemütliche Maskottchen unseres Hessischen Rundfunks mit der Bayern-Dialektik zu tun? Wer mit den Pep-Sammer-Bayern fremdelte, wem scheinintellekuelle Fußball-Überhöhung, Fuchtel-Getue und verknorzte Aggressivität unangenehm aufstießen, der kann nun ohne störende Nebengedanken eine fußballerische Augenweide wie das 6:0 gegen Bremen genießen. Dank Ancelotti, dem Onkelotti der neuen Bayern.
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In Frankfurt geht’s anders rum, und das ist auch gut so, denn hier wurde die Onkelotto-Gemütlichkeit übertrieben. Nach dem Laissez-Veh der jüngeren Vergangenheit setzt sich  die ebenso banale wie unangenehme Kovac-Wahrheit durch, dass von nichts nichts kommt. Endlich einmal eine Saisonvorbereitung der leistungssportlich angemessenen Art, und schon wird Schalke nicht weggezaubert, was sich meist als fauler Zauber erweist, sondern mit hoher Drehzahl niedergerungen. So kann’s weitergehen, dann klappt’s mit … liebe Traumtänzer, gar nicht erst daran denken! Der Satz geht so weiter: … der weitgehend abstiegssorgenfreien Saison.
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Was wegen RB Leipzig unter verschärften Bedingungen gelingen muss. RB heißt Rasen Ball und nicht Red Bull, aber Rasen Ball ist Red Bull und nicht Rasen Ball. Affentanz um das goldene Mateschitz-Kalb. Man sollte es bei Red Bull belassen, denn das ist im Fußball-Kapitalismus wenigstens ehrlich. Genauso ehrlich wie früher »Aktivist Schwarze Pumpe« oder »Aktivist Briesge-Senftenberg«, die den deutschen Fußball-Sozialismus kongenial repräsentierten.
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Die Zeiten ändern sich. Ob RB eine längere Haltbarkeitsdauer als Aktivist Schwarze Pumpe haben wird? Dass der Name dereinst in vielfältig anderer Weise wieder auftauchen könnte wie der »Aktivist« bei Medien-, Menschenrechts-, Naturschutz- oder Netz-Aktivisten, kann ausgeschlossen werden. Auch einer Limo-Marke hülfe selbst die massivste Werbekampagne nichts, wenn sie »Aktivist Braune Pampe« hieße.
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»Mach, was wirklich zählt!«, fordert uns die Bundeswehr-Anzeigenkampagne zum Abschluss der Rio-Spiele auf und dankt »für 45 Prozent aller Medaillen«. Nun könnte man durchaus sinnieren, ob das ein verkapptes Eingeständnis von DDR-Staatsamateurismus auf neudeutsche Art ist, aber in jedem Fall ist es kein so eingängiger Slogan wie das Original aus der Frühzeit der Vereinigten Staaten: »Uncle Sam wants you!« Jedem seinen eigenen Onkel. Meiner heißt nicht Sam oder Mateschitz, sondern Otto. Allenfalls noch Otti.
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Übrigens würde ich diese Kolumne lieber sprechen als schreiben. Auf einer Radtour durch die Hitzelandschaft habe ich einen Infekt eingefangen, der neben unangenehmen Auswirkungen auch den Effekt einer sonorigen Brumbass-Stimme erzeugt. So könnte Uncle Sam locken, so konnte Lee Marvin singen. Aber das nur nebenbei. Auf der Radtour kam ich an vollgestopften Schwimmbädern, Ausflugslokalen, Badeseen und Mitradlern vorbei. In diesen Hitzetagen reißen sich ja alle die Kleider vom Leib, und man sieht jetzt, dass die Tattoo-Manie ein echter Volkssport geworden ist. Opa mit dem vollprolltätowierten Unterarm, Oma mit dem Arschgeweih, an der Hand das brüllende Enkelchen. »Ich will auch ein Dadduu!« Warum duun die sich das an?
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Ist natürlich reine Geschmacksache. Wie fast alles. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass Männer meines Alters ihre Umgebung nicht mit kurzen Hosen und nacktem Oberkörper belästigen sollten. Und wer fährt mit kurzen Hosen und nacktem Oberkörper an all den Tätowierten vorbei? I was booo-orn under a wandering star.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle