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Sport-Stammtisch (vom 27. August)

Nun rollt er wieder, und mit ihm rollt der erste Rekord nach Hessen. Sehr viel Ältere erinnern sich an den Internationalen Frühschoppen, die betuliche Mutter aller späteren deutschen Talkshows. Für mich als kleiner Bub ein unsäglich langweiliges Geschwafel, passend zum unsäglich langweiligen Sonntag. Aber gespannt war ich immer auf den Eingangssatz: »Heute mit sechs Journalisten aus fünf  Ländern«. Könnten es auch mal sechs aus sechs Ländern sein? Oder gar fünf aus sechs?
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Geht nicht? Ich hoffte dennoch auf die Sensation. Ich war meiner Zeit nur voraus. Jetzt hat sie mich eingeholt und den Frühschoppen-Rekord pulverisiert. Eintracht Frankfurt startet in die Saison mit Spielern aus 17 Ländern für elf Plätze. Nichts ist unmöglich, für den Hessen an sich schon gar nicht.
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Der Deutsche an sich motzt gerne, auch über ein ähnliches Zahlenspiel, bei dem »wir« hinterher hinken. 449 deutsche Athleten holten in Rio 42 Medaillen (pro Kopf rund 0,1). Hätten sie sich ein Beispiel an, zum Beispiel, Neuseeland genommen (vier für 14, etwa 0,3), könnten die Amis von weit unten zu uns aufschauen! Ach, was waren das noch für Zeiten, als wir pro Olympiateilnehmer gefühlte zehn Medaillen holten! – Ach so, das waren ja die falschen Deutschen. Pfui. Und wer Medaillen zählt, ist sowieso selbst schuld. Der zählt auch die Haare und sogar die Erbsen in der Suppe. Jedem sein Steckenpferd. Hauptsache, es wiehert.
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Drei Dinge, die mir in Rio am besten gefielen: 1. Vor-Qualifikationen für »Exoten«. Damit sind sie in Olympia eingebunden, bleiben aber leistungsmäßig unter sich und müssen sich nicht der anderen Seite der Medaille aussetzen, denn hinter demonstrativem Wohlwollen steckt oft nur heuchlerisch kaschierter Hohn. 2. Usain Bolts Jux-Speerwurf auf dem Trainingsplatz. Über 55 Meter! Eine ordentliche Zehnkämpferweite, bei den Frauen mit dem 200 Gramm leichteren Speer sogar sehr medaillenverdächtig. Auch wenn es unbedarft aussah, warf Bolt beeindruckend locker und entspannt und hatte so einen sehr langen Beschleunigungsweg. Anschauungsunterricht für Wurfanfänger. 3. (aber nur auf der Liste, weil es mir gut in den Besserwisser-Kram passt): Während andere Medaillen zählten, stieß ich zufällig auf eine wichtigere Zahl. Im letzten Jahrzehnt explodierte der Testosteron-Konsum weltweit um das Zwölffache. Am wenigsten trugen die Sportler dazu bei, denn für das Wachstum sorgten die Fitness-, Wellness-, »Best Ager-« und sonstige Optimierungs-Industrie. Testosteron wird massiv beworben. Denn Doping ist nur ein Wort. Ein Pfui-Wort aus dem organisierten Wettkampfsport. Sonst überall ein Hui!-Wort.
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Ui! Da will einer im Oktober beim Bremen-Marathon auf einem Bein hickeln. Obwohl er zwei gesunde Beine hat. Natürlich nicht aus Jux und Dollerei, sondern um Spenden für das Bremer Tierheim zu sammeln. Demnächst flatuliert noch einer die Nationalhymne zugunsten armer Ne …nee, sagt die Sprachpolizei. Mir fällt da nur die Geschichte des einbeinigen Carl Joseph ein, genannt »Sugarfoot«. Der spielte vor 35 Jahren im »normalen« Basketballteam seines Colleges und schaffte sogar den Dunking – ohne Prothese! Für mich eine der unglaublichsten und bewundernswürdigsten sportlichen Leistungen überhaupt. Immer noch im Internet zu bestaunen. Wer das Video nicht kennt, sollte es unbedingt anschauen.
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Oh. Schon so spät? Begonnen habe ich die Kolumne mit dem Frühschoppen, der Eintracht und mit der Zeit, die mich eingeholt hat. Dann habe ich mich verplaudert, bin am Ende der Kolumne angelangt, der Vorhang fällt, und viele Fragen sind noch offen (zum Beispiel die alte Fangfrage, in welcher Sportart »Sugarfoot« sofort disqualifiziert würde).
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Die Zeit hat mich eingeholt. Nicht umgekehrt, denn am vergangenen Samstag endete die Kolumne mit der Erkenntnis: Die Zeit ist uneinholbar. Nütze sie. Wenn ich da schon das Gedicht »August« von Erich Kästner gekannt hätte (Danke dafür an Dr. Sylvia Börgens aus Wölfersheim), hätte ich mit dessen Schluss geendet. »Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.«
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Der August geht, aber so weit wie die Griechen gehe ich nicht, denn was wünschen sie sich schon in diesen Tagen? Kalo chimona! (Schönen Winter!) Dabei ist der Sommer bei uns erst jetzt so richtig angekommen. Spät kommt er, aber gewaltig. Genießen wir ihn. Der nächste Chimona kommt früh genug. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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