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Keuern im Keudor (Montagsthemen vom 22. August / siehe Anmerkung im Blog)

In der Nacht vor dem Finale zeigte sich Olympia noch einmal von beiden Seiten seiner Medaillen. Ein wunderbarer Speerwurf-Wettbewerb mit einem vergleichsweise zart gebauten deutschen Wurf-Ästheten, der sogar ein Streichholz 32 Meter weit werfen kann (wirklich!). Dazu Medaillengewinner aus Kenia und Trinidad, die das alte Vorurteil widerlegten, Schwarze könnten nur laufen und springen, aber nicht werfen, weil dies technisch zu anspruchsvoll sei.
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Oder Fußball: Eine höchst ehrenvolle Niederlage als unbewusstes menschlich-diplomatisches Meisterstück (ein Gauck-Nachfolger wird ja noch gesucht. Es gibt nur ein’ Hotte Hrubesch!) Der Sieg im Elfmeterschießen heilt nicht alle brasilianischen 1:7-Wunden, ist aber wenigstens Salbe für sie. Und Silber Salbe für uns.
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Dann noch drei Sieger, die stellvertretend für die sportlichen Probleme von Olympia stehen: Mo Farah und Matt Centrowitz als Repräsentanten des Nike Oregon Projects und Caster Semenya … aber über NOP auf der einen Seite habe ich schon alles geschrieben, was ich dazu schreiben kann und will, ebenso wie auf der anderen über ein persönliches und das damit verbundene wettkampfsportliche Problem. Außerdem sagen das Bild und die Art des Gold-Laufs von Caster Semenya mehr als tausend Worte.
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Kennen Sie die Zahlenreihen, die manchem Mathe-Dummkopf (hier schreibt einer) den IQ-Test versauen können? Hier kommt eine, die ich nicht ergänzen kann, aber jeder Leser: 142 – 82 – 65 – 56 – 49 – 41 – 44 – welche Zahl folgt? Ich weiß es nicht, weil sie erst zwischen meinem Schreiben und Ihrem Lesen dieser Kolumne feststeht. Denn die Reihe beginnt mit Seoul 1988 und beinhaltet die jeweilige Zahl der »deutschen« Medaillen bei den Olympischen Spielen von 1988 bis heute.
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Rio dürfte an London nicht herangekommen sein und Peking-Niveau erreichen. Also in etwa die Zahl von Seoul. 1988 waren es nämlich 102 DDR- und 40 bundesdeutsche Medaillen. So schrumpft zusammen, was sich gehört.
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Und dennoch … kennen Sie das, wenn ein Ohrwurm sie nervt und einfach nicht aus dem Kopf will? Meistens sind es Schlager, oft sogar solche, die man gar nicht mag. Bei mir ist es jetzt keine Musik, sondern ein Satz, der in meinem Hirn aufgeploppt ist wie eine unwillkommene Bannerwerbung im Internet und einfach nicht verschwinden will … Noch mal von vorn: Und dennoch, im Keudor wird gekeuert.
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Aufgeploppt ist der Satz, als ich wieder einmal vom »Medaillenkorridor« las, in dem bürokratische Stubenhengste zu den deutschen Medaillen galoppieren wollten, was ihnen ihre Stalljungs, die Sportler, aber vermasselt haben. »Korridor« sprach ich als Kind hessisch aus, wie der »Keudor« geschrieben wird, war mir lange Zeit nicht bewusst. Und »Keuern« ist ein manisches Wort für »ärgern«, und zwar mächtig ärgern. Für Nicht-Urgießener: Das Manische kommt nicht aus der Psychopathologie, sondern war die historisch gewachsene Sprache eines Vorstadt-Prekariats.
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Also: Die grauen Herren aus den Vorstandsetagen der Medaillenschmieden ärgern sich über das Verpassen ihres Medaillen-Korridors. Als Konsequenz wollen sie nun ihrem löchrigen Fass eine goldene Krone aufsetzen, mehr Geld in den Spitzensport pumpen, aber nur in die Sportarten, die Medaillen verheißen. Sauber!
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Gold soll sich lohnen. Dafür müsse ein Sportler aus einer Randsportart schließlich viele Jahre trainieren, und im Erfolgsfall bekomme er nur ein paar Kröten und dazu nur das, was Andy Warhol einst jedem von uns versprochen hat: für ein paar Minuten berühmt zu sein. Aber schon morgen kann mehr als halb Deutschland nur noch die Namen von weniger als der Hälfte unserer Medaillengewinner nennen. Was sehr optimistisch geschätzt ist.
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Was das Keuern im Keudor angeht: So, wie die Grauen Herren auf ihren Fluren Medaillen feiern wollen, züchten sie ein neues Sport-Prekariat heran. Denn hinter jedem Medaillengewinner, dem ein sorgenfreies Leben verheißen wird, stehen tausend und mehr Gescheiterte, die nichts als Sport gelernt haben werden.
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Da bleibt nur meine alte Patentlösung für alle deutschen Medaillenprobleme: Kanureiten, es müsste Kanureiten geben! Mit vielen Disziplinen und noch mehr Gewichtsklassen.
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Der Bundeswehr kann man jedenfalls keinen Vorwurf machen. Sie pumpt viel von ihrem Geld (also von unserem) in den Sport, indem sie rund tausend Sportler als Berufssoldaten beschäftigt (wobei »beschäftigt« nicht der passende Ausdruck sein dürfte). Die Bundeswehr ist stolz auf ihre Sportsoldaten und gratuliert ihnen als »Offizieller Ausbilder von Vorbildern« in großformatigen Zeitungsanzeigen. Zum Beispiel »unserer Sportsoldatin Hauptgefreiter Sophie Scheder« (SZ), »unserem Sportsoldaten Stabsunteroffizier Patrick Hausding« (FAS) oder aber »Stabsgefreiter Kira Walkenhorst und ihrer erfahrenen Oberbefehlshaberin Laura Ludwig« (taz). In dieser Anzeige wirbt die Bundeswehr: »Ohne uns gibt es nichts als Blech« und »Wollten Sie schon immer mal einen Kampfjet steuern? Träumen sie vom Leben auf einem Zerstörer? Oder schießen Sie einfach nur gerne?«
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Erst mit Verzögerung kapierte ich, dass die taz die BW-Anzeigenserie satirisch verhöhnte. In der Sache mag man streiten, in der Form aber ist diese hinterfotzige Eleganz ein Glanzstück gelungener Satire – und ein Beispiel für Böhmermann, wie man elegante Schmäh-Gedichte bzw. Schmäh-Prosa schreibt. Aber das ist ein ganz anderes Thema – ebenso, dass die linke taz auch die echte Bundeswehr-Anzeige nicht verschmäht. Geld stinkt …? ….nicht? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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