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Sport-Stammtisch (vom 20. August)

Vor vier Jahren stieß ein junger deutscher Kugelstoßer nur hauchdünn an der Goldmedaille vorbei, und alle, alle, auch die ehrgeizigen Konkurrenten, waren sicher, dass dieser mit Talent überreich gesegnete Junge vier Jahre später die Konkurrenz wie ein Usain Bolt der Werfer beherrschen werde. Storl wurde gefeiert und hofiert, doch mit dem Hype um ihn wuchsen meine Zweifel. Genießt er zu sehr das Drumherum? Ruht er sich zu sehr in der Hängematte seines Talents aus? Als er sogar, statt sich mehr Muskelmasse anzutrainieren, der Figur wegen abnahm, dachte ich: So kann man Model werden, aber kein Kugel-Bolt. Jetzt kam es, wie es kommen musste (und was Tierfreunde als noch zu geringe Strafe dafür werten, dass Storl einmal in der Trainings-Langeweile mit dem Luftgewehr auf einen Hund geschossen hat – aber das nur am Rande). Nach dem Tiefpunkt kann es nur aufwärts gehen. Raus aus der Hängematte, und es klappt noch mit dem Bolt-Sein!
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Wenn es bei deutschen Sportlern nicht klappt, bezichtigen sie die Konkurrenz gerne des Dopings. Auch der Gewichtheber-Bundestrainer Caruso singt das böse Lied. Beliebtes Ziel sind die Superschwergewichtler … wenn kein Mang, Nerlinger, Weller oder Steiner am Start ist. Caruso über die Leistungen von Rio: »Für uns nicht machbar.« Wie die 258 kg im Stoßen des Goldmedaillengewinners Talachadse. Die zuhörende Presse nickt zustimmend, und mir fällt das berühmte Bild von Peking 2008 ein, als Matthias Steiner weinend vor Freude und Leid das Foto seiner tödlich verunglückten Freundin zeigt. Er hatte soeben die Gold-Last gehoben. 258 Kilogramm. Das ist kein später Verdacht, sondern ein Plädoyer gegen den Generalverdacht.
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»Mann!« So schimpfte Speerwerferin Linda Stahl auf sich selbst. »Sie ist unser bester Mann«, lobt der Bundestrainer seine Gold-Fahrerin Kristina Vogel. Deutsche Frauen spielen in Mannschaften auch in Manndeckung, und wenn eine nicht aufpasst, ruft ihr Nebenmann warnend: Vorsicht, Hintermann! Und soeben lese ich im FAZ-Feuilleton, dass Schriftsteller wie Mosebach, Kehlmann oder Tellkamp keine »Landsleute« des Österreichers Heimito von Doderer sind, ihre Kollegin Eva Menasse aber dessen »Landsmännin«. Genderinspirierte Landsfrauen, warum lasst ihr euch das gefallen? Über pieselige Kleinigkeiten könnt ihr euch aufregen, aber solch ein groteskes Wort stört euch nicht. Mannomann, als Landsmänninnen macht ihr doch Männchen vor den Herrchen!
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Malaika Mihambo ist meine Landsfrau, auch wenn manche Dumpfbacke das bestreitet. Aber es gibt verschiedene Arten von Dumpfbackigkeit. Mihambo wurde mit persönlicher Bestleistung Weitsprung-Vierte. Ein großer Erfolg, eine großartige Leistung. Und was lese ich beim Sport-Informationsdienst: »Mihambo hat die dritte deutsche Medaille in der Leichtathletik verpasst. 6,95 Meter reichten nur zu Platz vier im Weitsprung.« – »Verpasst« und »nur« … »Mann!« Da könnte ich den Ribery machen!
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Apropos Fußball, aber ohne Ellbogen: Mario Gomez denkt  auch schon an die Rente. Vorsorge so früh wie möglich – vorbildlich! Aber Vorsicht, in Wolfsburg droht Kurzarbeit. Wegen der Zulieferer.  Die heißen nicht nur ESA (für das  Getriebe), sondern auch Draxler (für die Pässe).

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Noch einmal zu Kristina Vogel. Nicht wegen ihres Sattel-Bruchs. Es geht um den schlimmen Unfall, den sie vor Jahren hatte, als sie im Training bei 50 km/h mit einem (Polizei!-)Auto kollidierte, das ihr die Vorfahrt genommen hatte. Das ist oft thematisiert worden, aber nie die Frage, wie unfallträchtig es überhaupt ist, mit dem Rad im Straßenverkehr derart  schnell zu fahren. In boomenden Zeiten des E-Bike drängt sich die Frage erneut auf. Zwar sind Pedelecs in der Akku-Unterstützung auf 25 km/h heruntergeregelt, doch auch ungeübte Senioren können locker auf 30 km/h kommen, und immer mehr von ihnen  steigen aufs E-Bike. Da kommen noch schwierige Fragen auf uns zu.
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Ich kann sie nicht lösen. Aber diese: Mit Tempo 30 braucht ein Radler eine Stunde, um zu einem 15 Kilometer entfernten Ort und wieder zurück zu gelangen. Doch wenn ihm auf dem Hinweg eine steife Brise entgegenbläst und er nur die halbe Geschwindigkeit erreicht, wie schnell muss er dann auf der Rückfahrt sein, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen?
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Ich weiß, ich weiß, eine alte Fangfrage von mir. Aber die Lösung ist nun mal gleichzeitig eine ewige Seins-Erkenntnis: Die Zeit ist uneinholbar. Nütze sie. Carpe diem.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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