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“Freund” + “Feind” (“Anstoß” vom 18. August)

War denn schon Weitsprung? Weithin unbeachtet verlief dieser Wettbewerb, zumal die Deutschen schon in der Qualifikation gescheitert waren. Hätte Markus Rehm mitspringen dürfen, wäre der Prothesen-Mann eine Attraktion von Rio gewesen. Aber er durfte nicht. Ein Skandal, sagt »Freund«. Wer anderer Meinung ist, gehört zum »Feind«. So einfach ist das, wenn man es sich einfach macht. Wie sogar die »Zeit«, die in einem umfangreichen Dossier das Ergebnis schon vorweg in die Überschrift stellt: Es seien »seine Feinde«, die Rehms Teilnahme verhindert haben.
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Ich hätte ihn mitspringen lassen. Weil er ein großartiger Athlet ist. Aber nur außer Konkurrenz. Oder in einem in die Rio-Spiele eingebetteten paralympischen Wettbewerb. Denn Rehm betreibt eine andere Sportart als die »Beidfüßigen«. Um das zu beweisen, braucht man keine komplizierten leistungsdiagnostischen Computerdaten. Es genügt der simple Vergleich der Sprungweiten mit dem »falschen« Fuß. Der – wahrscheinlich (warum macht er den Test nicht?) – eklatante Unterschied zum Nicht-Sprungbein der anderen Weitspringer würde die sportliche Diskussion abrupt beenden.
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Jetzt läuft sie wieder. Oder er? Oder es? Oder was? Selbst im vielschichtigen und menschlich so tiefgehenden Fall von Caster Semenya verdeckt simples Freund-Feind-Denken die komplizierte Gemengelage und den sportlichen Knackpunkt, die Chancengleichheit. Um diese zu gewährleisten, gibt es überhaupt erst »Männer« und »Frauen« im Wettkampfsport (die unterschiedlichen Gewichtsklassen haben den gleichen Grund). Verschrobene Gender-AktivistI*nnen (wie auch immer sie das »korrekt« schreiben) haben offenbar nicht den (Start-) Schuss gehört, der Semenya wieder in die Weltklasse geschickt hat. Erst läuft sie (bleiben wir beim »sie«) furchteinflößende Zeiten und wird Weltmeisterin, dann entdeckt man ihre genetisch weit überhöhten Testosteronwerte, ein Grenzwert wird festgelegt, der bei Überschreitung medikamentös auf »weibliche« Werte heruntergeregelt werden muss. Daraufhin läuft Caster Semenya nur noch zweit- bis drittklassige Zeiten. AktivistI*nnen sorgen aber dafür, dass das Sportgericht diese Regelung für zwei Jahre aussetzt, und prompt läuft Semenya wieder in die absolute Weltspitze. Was dieses Hin und Her menschlich für sie bedeutet, weckt überwältigendes Mitgefühl. Denkt man es sportlich zu Ende … wäre der Frauensport am Ende. Aber so weit denken wir lieber nicht.
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Der gute Usain und der böse Gatlin – eine primitive Freund-Feind-Inszenierung wie einst bei Carl Lewis vs. Ben Johnson. Der Unterschied: Usain Bolt, bei allem Showgehabe ein kluger Junge und echter Sportsmann, spielt das dumme Spiel nicht mit. Er respektiert Gatlin. Und das aus guten Grund.
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Bolt bedankt sich wieder, wie schon nach London 2012, ausdrücklich bei Hans Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der Münchner Sportarzt ist das am hellsten strahlende Licht seines Metiers, jeder kennt den jugendlichen Alten, der wehenden Schopfes aufs Feld flitzt, wenn ein Fußballer lahmt. Sein Gatlin, sein Johnson, das schwarze Loch der Sportmedizin, ist seit Jahren in Südafrika in seinem Exil der Kränkung verschwunden: Prof. Armin Klümper. Er gilt fast schon als Synonym für die dunklen Seiten der Sportmedizin. Wohlfahrt vs. Klümper, gegensätzlicher geht’s nicht? Irrtum. Müller-Wohlfahrt hat bei Klümper gelernt und bezeichnet ihn als seinen Mentor. So gesehen hat bei Bolt nicht nur Müller-Wohlfahrt, sondern auch Mentor Klümper mitgewonnen. Das ist nicht hämisch-zynisch gemeint, sondern sportmedizinisch fair. Zur Redlichkeit gehört aber, nicht nur Klümpers Ausnahmekönnen zu würdigen, sondern auch, seinen vorsätzlich laxen Umgang mit den Dopingregeln nicht zu verharmlosen.
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Und dann wäre da noch Christoph Harting. »Feind«, und der ist in überwältigender Mehrzahl, verurteilt sein Verhalten schärfstens, hauptsächlich die Flegelei bei der Nationalhymne. »Freund« nimmt ihn in Schutz, vor allem auch aus linken Ecken kommt sogar Beifall, weil man dort eine Demonstration des zivilen Ungehorsams sehen will, so ähnlich wie die Schwarze-Faust-Demo 1968 in Mexiko. Auch alte Werferkameraden liefern sich heiße Diskussionen, zum Beispiel auf Facebook. Aber Freunde, bitte tiefer hängen! Lutz Caspers, Ex-Hammerwerfer der Spitzenklasse und mittlerweile über 70, bringt es mit seinem Post auf den Punkt: »Dass die Aktion bescheuert war, hat er sicher mittlerweile auch gemerkt. Aber jetzt tagelang darauf rumzureiten, das bringt doch nichts. In Syrien gibt es ernsthaftere Probleme, über die man sich aufregen kann.«
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Christoph Hartings Auftritt war einfach nur bescheuert, sonst nichts. Über die möglichen mentalen Hintergründe habe ich in den »Montagsthemen« spekuliert, damit soll’s auch gut sein. Wer eine Staatsaffäre aus der ungelenken Show machen will, wer bei der Hymne inbrünstiges Mitsingen oder nationalbewusstes Strammstehen verlangt – oder wer auf der Gegenseite Larifari-Gesten als gesellschaftspolitischen Protest preist, liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen der besonders bescheuerten Art. Wie alle, die nur im Freund-Feind-Modus gegeneinander antreten. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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