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Michael Jungfleisch-Drecoll: Rohrkrepierer

Auch ich finde, dass Sie das Phänomen Christoph Harting sehr gut beschrieben haben. Was wäre der Bruderkampf im Diskus mit diesem völlig unerwarteten Ausgang für eine tolle story geworden! Und was macht der Mann? Haut sie mit seinem bizarrem Benehmen in Scherben.

Soll er mir jetzt leid tun? Das nicht gerade. Trotzdem finde ich es ein bißchen schade, dass er sich selbst demontiert hat. Warum? Auch sein Interview lässt das nicht klarer werden.

Grundsätzlich finde ich es gar nicht schlecht, wenn Menschen ab und an “aus der Rolle fallen”. Uns Zuschauern wird dadurch manches klar. Dazu fiel mir ziemlich schnell die Black Panther Aktion nach dem 200 Meter-Lauf bei Olympia 68 wieder ein. Damals ein Politikum. Die beiden Sportler hatten damals ein klar umrissenes Anliegen.

Irgendein Furz saß oder sitzt dem Christoph Harting ziemlich quer.

Irgendwie passt sein Verhalten dann trotzdem ganz gut in die heutige Zeit.  Viele Zeitgenossen spüren, dass im Staate Olympia sehr viel faul ist. Die nationale Vereinnahmung der Sportler, für die sich neben dem schier übermächtigen Fußball vier Jahre lang kaum einer interessiert, fand ich persönlich nie gut. Medaillen abliefern, Soll erfüllt. Klasse. Wer interessiert sich abseits von Olympia denn wirklich fürs Diskuswerfen? Oder für die ganzen anderen “Randsportarten”? Und dann Doping und dann IOC und dann Umweltverschmutzung und leere Stadien, und, und und…

Da kommen mir die Sportler, die Hauptattraktion sein sollten, nur noch wie Marionetten in einem immer schlechter werdenden Spiel vor. Vielleicht wollte uns Harting so etwas signalisieren. Keine Ahnung. Bei mir hat sich heuer keinerlei Begeisterung für Olympia einstellen wollen. Mein Problem.

Trotzdem: diese ganze Gigantomanie, für die der Fußball und Olympia nur beispeilhaft stehen, mögen viele nicht mehr. Warum geht es nicht drei Nummern kleiner? Wofür muss denn immer alles neu gebaut werden? Warum z.B. lässt man Olympia nicht in bereits bestehenden Sportstätten stattfinden?

Auch Harting wollte uns bei der Siegerehrung etwas sagen. Aber was?

Der war nicht fröhlich und lustig, wie er uns vorspielen wollte. Als Sportler eine eins, als Entertainer leider weniger gut. Der Harting wollte im Vergleich zu seinem Bruder noch einen drauf setzen. Und das ging dann gründlich daneben. Typischer Fall von Rohrkrepierer, um bei den Kanonen zu bleiben…

Ich bemängele gar nicht einmal, dass er aus der Rolle fiel, sondern das Wie.

Siegerehrung ohne Gehampel und danach ein knackiges, von mir aus krasses Interview, das wäre es aus meiner Sicht gewesen! (Michael Jungfleisch-Drecoll)

Baumhausbeichte - Novelle