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Sonntag, 14. August, 7.30 Uhr

Eine Stunde verspätet, weil in Ergebnislisten, auf YouTube, in Online-Texten und bei den Nachrichtenagenturen den Olympia-Tag rekonstruiert. Aufreger natürlich: Harting. Wird es das große Bruder-Ding der nächsten Jahre? Was ist daran echt, was inszeniert?

Als ich zu Beginn der Saison beim Werfer-Meeting in Wiesbaden den “kleinen” 2,07-m-Harting erstmals hautnah erlebte, dachte ich schon: Oh, der Junge hat was drauf. Und: Oh, der ist speziell. Ich wusste vorher nur, dass er angekündigt hatte, in dieser Saison keine Interviews zu geben. Das fand ich an sich angenehm, wenn sich einer den scheinbaren Zwängen des Gewerbes entzieht, denn es sind ja wirklich nur scheinbare. Kein Journalist hat das Recht, ein Interview zu bekommen, kein Athlet die Pflicht, ein Interview zu geben. Aber ich sah in Wiesbaden auch, dass Christoph Harting ein seltsames Gehabe pflegt. Als ob da einer cool und locker und unverwechselbar und ein echter Typ sein wolle, der diese Rolle aber untalentiert und verkrampft spielt. In der Theater-AG der Schule ein belächelter, in der großen Öffentlichkeit ein peinlicher Auftritt. Steckt in Hartings Gehampel mehr Arroganz oder mehr Unsicherheit? Und wie viel davon ist Absetzbewegung vom großen Bruder, dem jahrelang Erfolgreichen, in dessen Schatten er stand? Ich weiß es natürlich nicht. Aber wir werden es wohl in den nächsten Jahren erfahren. Auf dem Zettel für die Montagsthemen steht bisher nur ein Satzbrocken: verkrampftes Gehabe der Unsicherheit.

Die höhnisch-höfische Geste der Verneigung: Soll das ein Ritual werden? Na ja, Malachowski hat ein Ritual, das noch seltsamer ist. Vor jedem Wurf rupft e mächtig an seinem Gemächt. Gesagt hat er aber etwas Kluges: »Jeder hat so einen Harting in seinem Leben, an dem er sich abarbeitet. Ich habe zwei.«

Christoph Harting hat auch zwei: Robert und sich.

Der Trainer der beiden bringt es auf den Punkt: “Christoph muss aufpassen, dass er nicht frei dreht.” Also zum Dollbohrer wird. Im Englischen gibt es den Ausdruck “loose cannon” an Bord, eine schwere Kanone, die weggebrochen ist, hin und her schlittert und alles an Bord zerschlägt. Christoph Harting muss aufpassen, dass er nicht die “loose cannon” an Bord seines Lebens wird (weia, welch ein verkrampft-lockeres Bild …).

Ich habe mal schnell nachgeschaut, ob ich die loose cannon richtig geschrieben und verstanden habe. Wikipedia:

In Englischen bezeichnet eine loose cannon (dt. eine unvertäute („lose, entfesselte“) Kanone) eine unberechenbare Person (Situation, Gegebenheit), von der eine reale und ernst zu nehmende Gefahr ausgeht. Der Begriff suggeriert auch, dass es besser wäre (oder notwendig ist), diese Person wirklich unter Kontrolle zu bekommen, ehe die drohende Katastrophe passiert.[32]

Der Begriff wird der Seemannssprache ab dem 17. Jahrhundert zugeschrieben, obwohl es keine Belege gibt, dass dieser Begriff bereits so früh verwendet wurde. Kriegsschiffe waren mit Kanonen ausgerüstet, die zum Transport und zur Ausrichtung durch Räder manövrierbar waren. Zur Sicherheit waren diese Kanonen vertäut, hatten aber Spiel, so dass die Taue den Rückstoss beim Abschuss abfangen konnten. Löste sich die Vertäuung, konnte die Kanone frei hin und her rollen und dabei Aufbauten beschädigen und Personen verletzen.

Es wird angenommen, dass diese Gefahr zuerst von Victor Hugo 1874 in seinem Werk Quatre−vingt−treize[33] literarisch dargestellt wurde. Im zweiten Buch La Corvette Claymore beschreibt Hugo im Abschnitt IV. Tormentum Belli:

„Eine Kanone, die von ihren Standplatz ausbricht, wird plötzlich eine unbeschreibliche, übernatürliche Bestie. Es ist eine Maschine, die sich in ein Monster verwandelt. Diese Masse bewegt sich auf ihren Rädern, einer Billardkugel gleich, den Kopf gesenkt, schlingernd, vorwärts hechtend mit den Stampfen des Schiffes, sie kommt und geht, hält an, scheint nachzudenken, nimmt ihren Lauf wieder auf, überquert das Schiff pfeilschnell von einem Ende zum anderen, dreht sich, bricht seitlich aus, entweicht, bäumt sich auf, verletzt, bricht durch, tötet, vernichtet.[34]

Henry Kingsley griff dieses Bild in seiner Novelle Number Seventeen[35] (1875) auf: „Natürlich sofort war das Schiff in einem Wellental, eine weit schrecklichere, gefährliche Zerstörungsmaschine als die berühmte entfesselte Kanone von Herrn Victor Hugo.“[36][37] 1889 erschien die loose cannon als Metapher in einer amerikanischen Zeitung.[35][

 

Dazu stieß ich unter “Kanone” auf viele schöne Ausdrücke, von Kanonenfutter bis Kanonenangst. Vielleicht ein Anstoß für die Montagsthemen. Aber jetzt kommt erst mal KKKK.

 

Baumhausbeichte - Novelle