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Montagsthemen (vom 15. August)

Peinlich. Ich kann mir dieses merkwürdige Verhalten nicht erklären. Ist es Exhibitionismus? Minderwertigkeitsgefühl? Verkrampftes Rollenverständnis? Sie wissen, um wen es geht. Um jene deutschen Sportlerinnen natürlich, vorzugsweise aus Randsportarten, die sich vor jedem Olympia für den »Playboy« oder irgendeinen Kalender nakisch machen. Die Fotos finden ihren geplanten Weg in die Boulevardpresse, die Mädchen sind stolz und genießen ihre sehr kurzfristige Seite-3-Prominenz, bei der die sportliche Referenz keine Rolle spielt. Merken sie denn nicht, in welchem unwürdigen Spiel mit ihnen Spielchen getrieben werden?
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Aber Sie denken an eine andere Peinlichkeit? An einen echten Affront? Ach so, an den des ägyptischen Judokas, der seinem israelischen Gegner den Handschlag verweigert. Ach, das ist doch keine Staatsaffäre, sondern nur peinlich. Für den Ägypter. Aber längst nicht so peinlich wie die Verweigerung einer deutschen Hotelkette, als Kotau vor muslimischen Gästen die israelische Vorwahl aus dem Telefonverzeichnis zu löschen. Aber das nur am Rande.
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Kommen wir zu dem merkwürdigen Verhalten, an das Sie wirklich denken: An das sehr gewöhnungsbedürftige Ritual, wie der polnische Diskuswerfer Piotr Malachowski in der Konzentration vor jedem Wurf an seinem Gemächt rupft.
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Schluss mit dem Versteckspiel. Mit dem Polen, vierschrötig wirkend, aber ein feiner Kopf, kommen wir zum echten Anlass, der Deutschland schockiert und empört. Malachowski nach der Niederlage gegen – wieder! - einen Harting: »Jeder hat so einen Harting in seinem Leben, an dem er sich abarbeitet. Ich habe zwei.« Christoph Harting hat auch zwei: Robert und sich. Und jeder Dr. Jekyll hat seinen Mr. Heyde.
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Christoph und Robert. Wird es das große Bruder-Ding der nächsten Jahre? Was ist daran echt, was inszeniert? Als ich zu Beginn der Saison beim Werfer-Meeting in Wiesbaden den »kleinen« 2,07-m-Harting erstmals hautnah erlebte, dachte ich schon: Oh, der hat was drauf. Genauso spontan der Gedanke: Oh, der ist aber speziell. Ich wusste zwar, dass er in diesem Jahr keine Interviews geben wollte und empfand es als sehr angenehm, wenn sich einer den scheinbaren Zwängen des Gewerbes entzieht. Aber ich sah in Wiesbaden auch, dass Christoph Harting ein seltsames Gehabe pflegt. Als ob da einer cool und locker und unverwechselbar und ein echter Typ sein will, diese Rolle aber untalentiert und verkrampft spielt.
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Wie er nun in Rio diesen Typus mimte, damit würde er in einer schulischen Theater-AG milde belächelt und wegen hoffnungsloser Talentlosigkeit aus der AG wegkomplimentiert. Auf olympischer Bühne wird daraus  ein Skandal.
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Steckt in Hartings Gehampel mehr Arroganz oder mehr Unsicherheit? Und wie viel davon  ist Absetzbewegung vom großen Bruder, dem jahrelang Erfolgreichen, in dessen Schatten er stand? Die offenbar einstudierte höhnisch-höfische Geste der Verneigung – soll das sein Ritual werden, als Gegenstück zu Roberts Trikotzerreißen? Torsten Lönnfors,  Trainer beider Hartings bringt es auf den Punkt: »Christoph muss aufpassen, dass er nicht frei dreht.«
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Nicht frei drehen, sonst wird man zum Dollbohrer. Im Englischen gibt es dafür ein schönes sinngleiches Wort: »Loose cannon«. Eine »lose Kanone« an Bord, die, aus der Verankerung gerissen, unkalkulierbar hin und her rutscht und alles zerdeppert. Im Internet finde ich die erste literarische Beschreibung der Wirkung einer »loose cannon« (von Victor Hugo, 1874): »Eine Kanone, die von ihren Standplatz ausbricht, wird plötzlich eine unbeschreibliche, übernatürliche Bestie. Sie kommt und geht, hält an, scheint nachzudenken, nimmt ihren Lauf wieder auf, überquert das Schiff pfeilschnell von einem Ende zum anderen, dreht sich, bricht seitlich aus, entweicht, bäumt sich auf, verletzt, bricht durch, tötet, vernichtet.«
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Na ja, der kleine, unsichere Junge in dem großen, gewaltigen Körper ist nun wirklich keine »loose cannon«, eher litt er unter Kanonenfieber. Das ist einer der vielen metaphorischen Ausdrücke rund um die Kanone, wie das Kanonenfutter, die Gulaschkanone oder ganz einfach nur die »Kanone«, jenes mittlerweile altväterliche Wort für einen sportlichen Superstar. Christoph Harting ist ab sofort und für immer eine »Kanone«, und mit seinem surrealen Verhalten vom Samstag wollte er vielleicht nur von seinem Kanonenfieber ablenken, im Sinne des »braunen Strichs« jenes mindestens ebenso peinlichen Buschreiterinnen-Kommentators, denn Kanonenfieber ist große Angst, die bis zum »Verlust über die Kontrolle des Schließmuskels« (Wikipedia) führen kann.
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In diesem Sinne muss ich nur einen Buchstaben austauschen, um dem kleinen, großen Christoph in den Worten von Wolfgang Niedecken zuzusingen: »Arsch zuh, Zäng ussenander.« Und »Arsch huh« sowieso. Gilt in Niedeckens Sinn für Harting, für Sie und für:  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle