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Sport-Stammtisch (vom 13. August)

Wie viele Goldmedaillen hat Phelps mittlerweile? 22, 31 oder 78? Wie hoch ist die Ablösesumme für Pobga: 120, 150, 790 Millionen? Was kostet die Griechenland-Rettung – 100 Milliarden? Eine Billion? Zig Fantastillionen? Die Zahlen rasen und flimmern vor unseren Augen. Bewährtes Gegenmittel: Der Blick auf das eigene Bankkonto. Da bleiben die Beträge überschaubar. Zumindest auf der Haben-Seite.
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Um auf Phelps’ 22 Goldmedaillen zu kommen, müsste ein Zehnkämpfer bei allen Olympischen Spielen des 20. Jahrhunderts gewonnen haben, erstes Gold als Baby, letztes als Hundertjähriger. Aber wir wollen über die olympische Bevorzugung des Schwimmsports nicht meckern. Wir haben ja unsere »Kanureiter«. Da klingelt’s auch bei uns im Medaillenkasten.
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»Das Deprimierende an den Spielen in Rio ist, dass wir den Leistungen nicht mehr glauben. Jeder ist unter Dopingverdacht«, schreibt Franz Josef Wagner in seiner berühmt-berüchtigten »Bild«-Kolumne, aber: »Michael Phelps gehört nicht dazu. Während er als kleiner Junge schwamm, wuchsen seine Hände wie Paddel. Seine Schuhgröße war inzwischen 48,5. Die Spannweite seiner Arme beträgt 2,04 m. Die Natur hat Phelps geboren, nicht die Chemie.«
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Bei Wagner, dem »Gassen-Goethe«, weiß man ja nie: Hat er nicht den Schimmer einer Ahnung, oder liefert er hier ein sarkastisch-ironisches Meisterstück ab? Bekannte Nebenwirkungen von Wachstumshormonen: abnormes Wachstum von Händen und Füßen. Weiß das Wagner? Falls ja: Chapeau! Vermutlich aber feiert er Phelps ebenso arglos wie der »Sunday Herald« vor einigen Jahren den australischen Schwimm-Nationalhelden Ian Thorpe: »Sein Herz ist so groß wie seine Füße.«
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Bewundernswerter als die schiere Zahl der Medaillen sind Phelps’ vier Olympiasiege hintereinander in einer Disziplin, den 200 m Lagen. Damit steht er in einer Reihe mit Olympiahelden wie Carl Lewis (Weitsprung) und Al Oerter (Diskuswurf). Mit diesem stöbern wir nicht in der verstaubten olympischen Historie, sondern beantworten die wichtigste Frage der Rio-Woche: Wie bekommt man einen Knack-Po, mit dem man neben Usain Bolt tanzen kann? Diese Frage umtreibt sei je her vor allem das andere … nein, es gibt ja mittlerweile viele andere … das weibliche Geschlecht. In großer Fürsorge für die Nöte meiner liebsten Zielgruppe habe ich ihr schon im vergangenen Jahrhundert in einer »Zeitungs-Trimme« den Weg zum Knack-Po gewiesen – eine Übung, die jeden »musculus gluteus maximus« (großer Gesäßmuskel) zum Traum-Po macht: In der Hocke, Hinterteil stets nur ganz knapp unter Kniehöhe, um den Frühstückstisch watscheln, mit der aufgeschlagenen Zeitung in den ausgestreckten Händen.
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Und da kommt Al Oerter ins Spiel. Der watschelte in diesem »Entengang« sogar täglich um seine Sporthalle – allerdings nicht mit der Zeitung in der Hand, sondern einer 260 kg schweren Hantel auf den Schultern. Aber, liebe Mädels, da muss wieder die alte Wrestling-Warnung her: Don’t try this at home! Zeitung und Küchentisch genügen. Für den Anfang.
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Ähnlich knochenbrecherische Übungen zeigte der neuseeländische Kugelstoßer Jacko Gill auf Youtube-Videos schon als 16-Jähriger. Damals stieß er die 5-kg-Kugel unfassbare 24,45 m weit. Vergleichen Sie damit die Gold-Weite der Frauen mit der 4-kg-Kugel aus der Nacht! Gills weiteren Weg haben wir in dieser Kolumne mitverfolgt, inzwischen ist der Junge fünf Jahre älter und kaum weiter gekommen.
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Bei Gill kam es, wie es vielleicht kommen musste: Vier Wochen vor Rio erlitt er einen Ermüdungsbruch im Mittelfuß. Zur Behandlung gibt es zwei Möglichkeiten, längere Ruhigstellung in Gips oder OP. Gill entschied sich für eine dritte Variante: Er trainiert noch härter und tritt in Rio an. Ob das gutgeht? Gill hat das Röntgenbild seiner Fraktur gepostet. Sein Bruch heißt »Jones fracture«, benannt nach Sir Robert Jones, der sich 1902 diese Fraktur selbst während einer Tanzveranstaltung zugezogen hat (Quelle: Wikipedia). Ein ähnlicher Bruch wird auch »dancer’s fracture« genannt.
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Wussten Sie, wie gefährlich das Tanzen sein kann? Ich weiß es schon lange. Seit der Obersekunda, als wir mit der Parallelklasse des Mädchengymnasiums einen Tanzkurs absolvierten, mit allem Drum und Dran wie Antrittsbesuch im Elternhaus der »Dame«, Mittel- und Schlussball. Seitdem habe ich die Medizingeschichte mit einer Abart der »dancer’s fracture« bereichert, dem spontanen psychischen Ermüdungsbruch. Sehr langwierige Geschichte. Heilung nicht möglich. Einzige Therapie: striktes Tanzverbot. Lebenslänglich. (gw)
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(www.anstoss-gw.de Mail: gw@anstoss-gw.de)

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