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KIA KAHA! (“Anstoß” vom 11. August)

Nach drei Tagen noch ohne Medaille – das war »der schlimmste Fehlstart seit der Wiedervereinigung« (Bild). Na ja, dass die Wiedervereinigung ein Fehlstart war, behaupteten Skeptiker von Anfang an. Aber wirklich sooo schlimm?
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Same procedure. Wir warten vergeblich auf eine Medaille, dann kommt sie, wird groß gefeiert … und ist schnell vergessen. Wie in Athen 2004. Ich werde die Frau nie vergessen, schrieb ich damals, die uns nicht nur Judo-Bronze, sondern durch ihre Siegwertung auch einen wunderschönen Begriff schenkte: Innenschenkelwurf. Ein sinnliches Wort mit melodischem Klang, ein großer sprachlicher Wurf mit dem Innenschenkel, auszusprechen nicht in teutonischem Stakkato (In/nen! Schen/kel! Wurrrf!), sondern träumerisch als Langsilbe zu flüstern.
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So delirierte ich. Und vergaß in der Tat nie den Innenschenkelwurf. Aber den Namen der Judoka von Athen schon nach wenigen Tagen. Er sei noch einmal in Erinnerung gebracht: Julia Matijass.
Die Julia von Rio heißt Monika Karsch. Schießen! Damen! Sportpistole! 25 Meter!
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Der Innenschenkel spielt auch bei den Reitern eine entscheidende Rolle. Gold und Silber in der Vielseitigkeit (die früher weniger schamhaft Military hieß) – spannend war’s. Diesmal sogar für Pferde nicht einschläfernd. Auch der Fernseh-Kommentator schläferte nicht ein, sondern regte auf. Aber nur Zuschauer, die solche Töne nicht gewohnt sind. Die Buschreiter wundern sich: Was wollt ihr denn? So reden wir. Das ist einer von uns.
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Erste Medaillen: Schießen, Military. Fast drängt sich meine alte Frage auf: Holen wir  Medaillen überwiegend in den Disziplinen, mit denen man Kriege gewinnt – allerdings nur bis 1870/71? Aber was ist mit unseren Fechtern?
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Rund um Rio wird auch geschossen und gefochten. Mit Worthülsen und Papierschwertern. Ein Gericht hob nun die Entscheidung des IOC auf, die Anti-Temer-Plakate im Stadion zu verbieten, in denen der brasilianische Interimspräsident beschimpft wurde, wörtlich sogar als »Putschist«. Erstaunlich ist nicht die Tatsache, sondern das Wort an sich. »Putsch« hat eine erstaunliche Karriere hinter sich und von der beschaulichen Schweiz aus die Sprachen der Welt erobert. »das wort putsch stammt aus der guten stadt Zürich, wo man einen plötzlichen vorübergehenden regengusz einen putsch nennt und demgemäsz die eifersüchtigen nachbarstädte jede närrische gemüthsbewegung, begeisterung, zornigkeit, laune oder mode der Züricher einen Zürichputsch nennen.« (Gottfried Keller, Der Grüne Heinrich, 1849/zitiert nach Grimms Wörterbuch)
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Apropos IOC und dessen Präsident. Deutsche Medien würden Bach am liebsten wegputschen, weil er sich erdreistet, nicht ihr Anwalt zu sein, sondern als CEO eines Milliarden-Multis dessen Werte materiell und ideell zu vertreten und zu bewahren hat. Und das macht er im Rahmen dessen, was in latent korrupten Weltverbänden von IOC über FIFA bis IAAF möglich ist, jedenfalls besser als mancher seiner Vorgänger oder Kollegen.
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KIA KAHA! Das ist nicht das neue Modell eines asiatischen Autobauers, sondern der Maori-Schlachtruf, mit dem ein neuseeländisches Bataillon einst in den Weltkrieg zog. Auch Valeri Adams, die Kugelstoß-Heroine der Kiwis, startet mit ihren starken Maori-Wurzeln (1,93/120 kg) unter diesem Motto in ihren Wettkampf und gegen ihre deutsche Hauptkonkurrentin Christina Schwanitz.
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KIA KAHA! Das Wort kommt nicht wie der Putsch aus der Schweiz, wird englisch mit »stay strong!« übersetzt, aber wir gemeinden es ein und rufen es Christina Schwanitz, allen anderen Olympiakämpfern und nicht zuletzt uns selbst in unserem alltäglichen olympischen Überlebenskampf aufmunternd zu:
Bleibt starkli! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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