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Montagsthemen (vom 8. August)

Dass zwischen ein und drei Uhr in der Nacht zum Samstag 1,87 Millionen Menschen die Eröffnungsfeier live gesehen haben sollen, ist als Zahl nicht das Ding an sich, sondern ihre Quotierung: Marktanteil 29,1 Prozent! Was gucken 70,9 Prozent, also rund sechs Millionen Deutsche, nachts um drei Uhr im Fernsehen, wenn die Eröffnungsfeier läuft, die sie aber gar nicht einschalten?
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An die Wahrheit der Quoten glauben Zahlenhörige wie an die IM-Berichte in Stasi-Akten. Aber die Frage ist nicht, was drin steht, sondern: Wie kommt das rein? Einmal wurden für den Kulturkanal Arte mittags um 13.50 Uhr 50 000 Zuschauer ermittelt – aber Arte war da gar nicht auf Sendung.
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Für Brasilien steht viel mehr auf dem Spiel als nur der Sport. Freuen wir uns daher mit dem Land über die erste Medaillen-Begeisterung. Wir waren ja auch schuld am Auslöser des Niedergangs. Glauben die Brasilianer. DFB-Voodoo. Stichwort 1:7.
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Unser Innenminister fordert 30 Prozent mehr Medaillen als in London. Natürlich sauber. Brasiliens offizielles Ziel sind die Top Ten im Medaillenspiegel. Die Brasilianer hatten vier Wochen vor den Spielen alle Dopingtests im Lande gestoppt. Auch echt sauber!
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Fauler Zauber. Ich meine jetzt den Medaillenspiegel. Wer ihn sportlich ernst nehmen will, sucht nach anderen Kriterien als der nackten Gold-Zahl. Gesamt-Medaillen, Endkampfplätze, Einwohner pro Medaille (Sieger 2008: Jamaika) oder, auch interessant: Aufwand und Ertrag. Da führte in Peking Simbabwe, investierte also am wenigsten in eine  Medaille. Na ja, da bleiben wir lieber beim bewährten Modell, denn sonst sähe der Medaillenspiegel doch zu jamaikanisch oder simbabwisch aus.
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Was die Russen 2014 in Sotschi taten – Pfui Teufel! Wegen dieses dreisten Betruges kostete eine deutsche Olympia-Medaille dort alleine über fünf Millionen Euro aus dem Verteidigungsetat.  Immerhin, ob 30 Prozent mehr oder weniger: Olympische Spiele bilden seit Afghanistan zwar nicht mehr unsere größten soldatischen Einsätze auf fremdem Staatsgebiet seit dem Zweiten Weltkrieg, dafür aber die erfolgreichsten. Ein Bravo unseren  … Staatsamateuren? Ach nee, das waren  ja früher die von drüben. Heute sind es: … Sportsoldaten.
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Mal ernsthaft: Warum kann ein Schwimmer im Extremfall so viele Goldmedaillen gewinnen, wie ein Gold-Fußballer Mannschaftskameraden hat? Wenn schon Gesamtwertung, dann bitte eine mit jeder Medaille, die einem Sportler umgehängt wird.
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Was ganz anderes. Früher galt eine Einladung ins ZDF-Sportstudio als größte  Ehre für einen Sportler. Olympiasieger, Fußball-Weltmeister, Gast im Sportstudio, das waren die höchsten Stufen auf der Erfolgsleiter. Und oft folgte eine hochnotpeinliche Befragung der rhetorisch noch nicht »gebrieften« Bundesligakicker. Erinnern Sie sich an Bernd Heller, den Moderator aus Gießen, der als arrogant galt? Bei ihm saß einst »Katsche« Schwarzenbeck und schwitzte sich die stumme Seele aus dem Leib, mit größeren Schweißflecken als Jan Ullrich bei seiner Doping-Pressekonferenz. Heute genügen andere Referenzen als Gold oder WM-Titel. Zum Beispiel das verschmutzte Wasser in der Guanabara-Bucht. Laser-Segler Philipp Buhl: »Ich war im Aktuellen Sportstudio. Da wäre ich nie gewesen, wenn das Wasser sauber wäre.« – Dafür bekommt er meine erste Goldmedaille. Für lässige Selbstironie.
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Habe ich oben richtig gerechnet? 29,1 %/1,87 = 70,9%/rund sechs Millionen? Nach meinen 80 Millionen Lichtjahren vom letzten Donnerstag bin ich noch zahlenunsicherer als sonst. Aber sind Lichtjahre nicht sowieso nur Schall und Rauch im Raum? Acht, 80 oder 800 Millionen, das sind doch nur die Volt, mit denen Gott (oder wer auch immer) den Zaun der Erkenntnis geladen hat, in dem seine Schäfchen leben und denken und glauben und glauben zu wissen. Aber das ist ein anderes Thema. Mäh!

Baumhausbeichte - Novelle